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Wir sind nicht mehr im Falle wie vor zwanzig Jahren, wo eine Zeit lang herkömmlich war zu Ausarbeitung gewisser Aufgaben förmlich und bestimmt einzuladen; aber ganz unterlassen können wir nicht, aufmerksam zu machen auf einen Gegenstand, wo die höhern Kunstforderungen zu seisten seyn möchten.

Vorstehendes, im 2. Stüd des 4. Bandes von Kunst und Alterthum abgedrudt, hatte sich der guten Wirkung zu erfreuen, daß das Stuttgarter Kunstblatt vom 19. Januar 1824 sowohl Gedicht als Nach(drift aufnahm mit beigefügter Erklärung des Herrn von Cotta, der sich geneigt erwies, ihm zugesendete Zeichnungen dieses Gegenstandes nady Weimar zu befördern, auch die welche für die beste erkannt würde, dem Künstler zu honoriren, und durdy Kupferstich vervielfältigen zu lassen.

Einige Zeit darauf erhielten die Weimarischen Kunstfreunde unmittelbar von einem längstgeprüften Genossen eine colorirte Delskizze, jene fabelhafte Erscheinung vorstellend, jedoch mit ausdrücklicher Neußerung, daß keine Concurrenz beabsichtigt sey, und man erklärte sich deßhalb gegen den werthen Mann vertraulich folgendermaßen: „Das beweglichste Lied führen Sie uns im belebtesten Bilde vor die Augen; man wird überrascht, so oft man die Tafel auf& neue ansieht, eben wie das erstemal. Die bald entdeckte Ordnung in der Unruhe fordert sodann unsere Aufmerksamkeit; man ent= ziffert sich gern den Totaleindruck aus einer so wohlüberdachten Mannichfaltigkeit, und kehrt öfter mit Antheil zu der seltsamen Erscheinung zurück, die uns immer wieder aufregt und befriedigt.“ Eine solche allgemeine Schilderung des Effects möge denn auch hier genügen.

Denn nun werden von Stuttgart sechs Zeichnungen verschiedener Künstler eingesendet, welche mir vergleichend gegen einander zu stellen aufgefordert sind, und indem wir in aufsteigender Reihe von ihren Verdiensten Bericht geben, legen wir zugleich dem kunstliebenden Publicum die Gründe vor, die unser schließliches Urtheil bestimmen.

Nr. I. Zeichnung auf gelbem Papier, Federumriß mit Sepia angetuscht und weiß aufgehöht, hoc 13 Zoll, breit 22/2 Zoll.

Redliches Bestreben äußert sich in dieser Zeichnung überall, der Ausdruc in den Röpfen ist gemüthvoll und abwechselnd; einiges, z. B. die Gruppe, bestehend aus brei jugendlich männlichen Figuren und einem Kinde, weldie das Pferd eben niederzuwerfen und über sie wegzuseßen scheint, ist glücklich geordnet ; eben so die in den Mähnen des Pferdes hängenden Kinder u. a. m. Wir bedauern, daß die ganze Darstellung nicht völlig im Geiste des Gedichtes und mit der dem Künstler zustehenden, ja nothwendigen poetischen Freiheit aufgefaßt ist. Es ist nicht der neugriechische Charon oder der Begriff vom Schicksal, nicht der Gewaltige, Strenge, unerbittlid, alles Niederwerfende — nach des Gedichtes Worten: Einhersausende - der die Jugend vor sich hertreibt, hinter sich nach die Alten Qleppt: hier erscheint der Reitende vielmehr selbst der Angegriffene, er droht mit geballter Faust, vertheidigt sich gegen die, so ihn aufhalten wollen, mit einem hoch über dem Haupte geschwungenen Ruder.

Zu dieser Gebärde, zu diesem Attribut ist der Künstler wahrscheinlid) durch Erinnerung an den griechischen Fährmann verleitet worden, den man aber nicyt mit dem gegenwärtigen wilden, späterer Einbildungskraft angehörigen Reiter vermischen muß, welcher ganz an und für sich und ohne Bezug auf jenen zu denken und darzustellen ist.

von allen übrigen Zeidynungen jedoch unterscheidet sich gegenwärtige durch den Umstand, daß nichts auf Erscheinung hindeutet, nichts Geisterhaftes oder Gespenstermäßige8 darin vorkommt: alles geschieht an der Erde, fo zu sagen auf freier Straße. Das Pferd regt sogar Staub auf, und die Weiber welche zur Seite am Brunnen Wasser schöpfen, nehinen an der Handlung unmittelbaren Antheil. Dagegen haben die andern fünf concurrirenden Künstler den Charon und die Figuren um ihn auf Wolken, gleichsam als Erscheinung vorüberziehend sich gedacit, und auch wir sind aus erheblichen Gründen geneigt folches für angemessener zu halten.

Nr. II. Große Zeichnung auf grauem Papier, mit der Feder schraffirt. Breit 44 Zoll, hoch 31 Zoll.

In den Figuren, weldie vor dem Reiter her, zum Theil sdywebend, entfliehen, und in denen, welde bittend und klagend ihm folgen, vermißt man wissenschaftliche Zeichnung der nackten Glieder. Störend sind ferner einige nidit redit passend bewegte, gleichsam den Figuren nicht angehörige Hände. Charon sitt schwady und gebüdt auf seinem Pferde, sieht sich mitleidig um, die linke Hand ist müßig, und die redite hält, ebenfalls ohne alle Bedeutung, den Zügel hoch empor; hingegen ist der Kopf des Pferdes gut gezeichnet und von lebendigem Ausdruck. So finden sich auch einige weibliche Köpfe mit angenehmen Zügen und zierlichem Haarpuş; ebenfalls sind mehrere in gutem Geschmad angelegte Gewänder zu loben.

Luft und lidht, Wolken, deßgleichen der landschaftliche Grund, welchen man unter dem Wolkenzuge, worauf die Darstellung erscheint, wahrnimmt, lassen verniuthen, der Zeichner dieses Stücks besiße mehr Uebung im landschaftlichen Fache als in dem der Figuren: denn die Waldgegend, wo zwischen Hügeln sich ein Pfad hinzieht, im Vordergrunde die Weinlaube, in deren Schatten zwei Figuren ruhen, weidende Schafe u. f. w. sind niđặt allein lieblich gedacht, sondern aucy mit sicherer Hand ausgeführt. Befremdend ist es, daß die Berggipfel, welche über dem Gewölk zum Vorschein kommen, nicht passen, oder besser gesagt, in keinem Zusammenhange stehen mit dem landschaftlichen Grunde unter der Erscheinung – ein Versehen, welches noch zwei andere von den wetteifernden Künstlern ebenfalls begangen haben.

Nr. III. Zeichnung, eben so wie die vorhergehende mit der Feder sdhraffirt, jedoch auf weißem Papier. 32 Zoll breit, 22/2 Zoll hoch.

llebertrifft dieses Werk hinsichtlich auf das Wissenschaftliche in den Umrissen das vorige nur wenig, so muß man dod; dem Künstler bei weitem größere Gewandtheit zugestehen: ihm gelingt der Ausdruck, die Figuren sind glüdlich zu Gruppen geordnet, haben alle wohl durchgeführten Cha= rakter, passende Stellungen und sind lebhaft bewegt; von dieser Seite ist ganz besonders ein dem Charon eiligst an Krüden nachinkender Alter zu loben. Charon möchte am meisten der Nachsicht bedürfen, theils weil er verhältnismäßig zu den übrigen Figuren etwas gigantischer hätte gehalten werden sollen, theils weil in seiner Gebärde, der Dichtung ganz entgegen, sich Besorgniß, ja Furcht ausspricht, er möchte die Jünglinge vor ihm überreiten, die Alten hinter ihm möchten nicht nachkommen können. Unter der Wolkenschicht, auf welcher Charon erscheint, sind die Mädchen am Brunnen gar anmuthig gedacht, drei andere weibliche Figuren, von denen eine jung, mit lebhafter Bewegung die Erscheinung wahrnimmt, eine Alte fißend ein Kind hält, dem die dritte einen Apfel darreicht, bilden eine hübsche Gruppe. So verdient auch ein Mann, der vom Feigenbaume

Goethe, sämmtl. Werke. XXV.

Früchte pflügt, wegen der malerischen Stellung und Bekleidung nicht übersehen zu werden.

Die hohen, von Wolken umschwebten Berggipfel, welche oben im Bilde über dem Charon sichtbar sind, haben auch in dieser Zeichnung nicht den erforderlichen Zusammenhang mit dem landschaftlichen Grunde unten im Bilde.

Nr. IV. Das ießt folgende Stück ist das kleinste von allen, die eingesendet worden; nur etwa 1 Fuß hody und 16 Zoll breit, sauber mit der Feder umrissen, kräftig getuscht und weiß aufgehöht.

Lobenswürdige Sorgfalt und die Hand eines geübten Künstlers sind in allen Theilen zu erkennen. Charon stürmt auf ungebändigtem zaumlosem Pferde wildrennend vorüber; vom Sattel herab hängen, vor und hinter ihm, kleine Kinder; eine Gruppe alter Männer, Patriarchen gleichend, zieht er mit Gewalt nach sich an einer sie umsdlingenden Binde; eine andere Gruppe, meist zarte Jünglingsgestalten, kommen ihm entgegen, schwebend, gehend und auf die Kniee niedersinkend; sie bewundern ehrfurchtsvoll, flehen, beten an. Ein Wolkenstreif dient als Basis, unter welchem hin sich die landschaft aufthut; großartige Gebirgsgegend; den Weg herauf kommen drei gar niedliche weibliche Figuren, Krüge in den Händen, am überwölbten Borne Wasser zu schöpfen. Eine derselben richtet den Blick aufwärts nady dem, was über dem Gewölbe vorgeht.

In dieser Zeidnung sind die Figuren viel besser als in den vorigen verstanden: die Glieder haben Wohlgestalt, die Köpfe gemüthlichen sanften Ausdruck; der Faltenschlag ist sehr zierlich, die Anordnung des Ganzen sowohl als der einzelnen Gruppen gut, wenn auch vielleicht zu symmetrisch; Charon vornehmlich dürfte, wenn ein Werk von so vielen Verdiensten nach aller Strenge sollte beurtheilt werden, von zu weichlichem Ausdrud, die Motive überhaupt zu sentimental ersdeinen. Gegen die Gruppe der Jünglinge möchte man alsdann auch einwenden, daß sie durch Gestalten, Stellung und Faltenwurf etwas zu auffallend an Raphaels Disputa erinnern.

Nr. V.

Der wađere Künstler, der diese sehr fleißig braun ausgetuschte, nur hie und da ein wenig mit Weiß aufgehöhte Zeichnung, 23 Zoll breit und

beinahe 18 Zoll hoch, verfertigt hat, entwicelte darin ein großes ehrenwerthes Talent: die Umrisse sind wohl verstanden, die Figuren fühn bewegt, zuin Theil von ausgearbeiteten kräftigen Fornien, die Köpfe geistreich; auch fehlt es nicht an schönem Faltenschlag; selbst die im ganzen beachtete Hal-, tung ist zu loben.

Wie aus dunkeln, sich gegen die Erde senkenden Wetterwolken hervor sprengt Charon: die vordersten Figuren auf diesen Wolken, Jünglinge, stürzen nieder, vom Pferde übersprungen; mehrere fliehen, mehrere werden vom grimmigen Reiter mit geschwungener Geißel bedroht; nadı sich schleppt er einen Mann, der, um den Hals gebunden, idon halb erwürgt, rücklings niederstürzt und jammernd die Hände über dem Kopfe ringt; Alte, würdige Greise flehen kniefällig; aus dem düstern Gewölk fahren Blige, Regengüsse stürzen nieder, Sonnenstrahlen brechen durch, und unter dem Wolkensaume sieht man in landschaftlichem Grund am Felsborn liebliche Frauengestalten verschieden beschäftigt; mehrere derselben sehen bestürzt nach der Erscheinung; eine, welche rasden Schrittes nach dem Brunnen hinschreitet, ist hinsichtlich auf schöne Bewegung und Falten vorzüglich lobenswerth.

In der Anordnung des Ganzen nimmt man großartige Intention wahr; nur wenige einzelne Glieder stoßen nicht völlig kunstgerecht auf einander, so daß theils scharfe Winkel entstehen, und man auf den ersten Blick ungewiß bleibt, welcher Figur ein Arm oder ein Bein eigentlich angehört.

Die große Ausführung jedoch, wodurch der Künstler sein Blatt hervorgehoben, seßt ihn in den Stand die Köpfe höchst belebt und geistreich darzustellen; wie denn auch Hände und Füße sehr gut gezeichnet, zierlich und mit größter Sorgfalt vollendet sind. Als schön drapirte Figur nimmt sich vornehmlich unter der Gruppe der flehenden Alten der, welcher ganz zu vorderst kniet, vortheilhaft aus.

In Erwägung der jo eben erzählten vielen Verdienste könnte die Frage entstehen, ob dieses Blatt nicht geeignet sey fich mit dem nächstfolgenden auf Eine Linie zu stellen.

Nr. VI.

Dieser Nummer jedoch gebührt nach unserer Ueberzeugung der Preis. Die Zeichnung 3 Fuß breit, 25 Zoll hoch, ist auf gelblichem Papier,

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