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IX.

Diese sämmtlichen sowohl sittlich menschlichen, als natürlich animalischen Elemente der Tisdybein'schen Idylle haben wir bisher beherzigt und dargestellt; nun da wir genug in dieser Region gewandelt, müssen wir noch zum Abschluß einer tragischen Situation gedenken.

Das Grundmotiv aber aller tragischen Situationen ist das Abscheiden, und da braucht's weder Gift noch Dolch, weder Spieß nodi Schwert; das Sdjeiden aus einem gewohnten, geliebten rechtlichen Zustand, veranlaßt durch mehr oder mindern Nothzwang, durch mehr oder weniger verhafte Gewalt, ist auch eine Variation desselben Thema's, und so hat auch unser Künstler nicht unterlassen die Scheidescene von Hirt und Hirten gemüthlid) darzustellen.

Unter einem alten, in der Zeit unverwüstlich fortwachsenden Eichbaum fitzen sie neben einander, die holden, erst lebensanfänglich Jüngern. Der Knabe, die Füße über einander geschlagen, sieht vor sich hin; er wüßte nichts zu sagen, er vermag nicht über den Verlust zu denken. Berlust denkt sich nicht, er fühlt sich nur. Die schlanke, tüchtige, wohlgebaute, schöne Hirtin aber lehnt sich trostlos auf seine Schulter; ihr ist wohler, sie kann weinen, sie bezahlt der Gegenwart, was mit schweren Zinsen fünftigen Stunden abzutragen wäre. Und so sehen wir die beiden allein, aber nicht einsam, denn neben ihnen hat der Künstler sinnig die spiralendenden Hirtenstäbe umgekehrt zur Erde gesenkt, in einander greifend; auch sieht man zunächst verschiedenartige Schafe, als wenn sie beiderlei Heerden angehörten, sich mit den düstern Köpfchen gegen einander unschuldig bethun. Mit einem Waldgebüsch ist das Ganze geschlossen.

Und so schließen wir auch unsere Idylenregion, oder vielmehr, ehe wir aus derselben herausgetreten, befreunden wir uns mit etwas Höherem, Uebermenschlichem, das uns desto erfreulicher aufnimmt, als wir an der sinnigen Behandlung des Untermenschlichen, dem Künstler dankend, Freude genossen. Und an der Schwelle dieses Ueberganges sprechen wir aus, wie folgt:

Was wir froh und dankbar fühlen,
Wenn es auch am Ende quält,
Was wir sechzen zu erzielen,
Wo es Herz und Sinnen fehlt:

Heitre Gegend, groß gebildet,
Jugendschritt an Freundesbrust,
Wechselseitig abgemildet,
Holder Liebe Schmerzenslust;
Alles habt ihr nun empfangen,
Frdisch war's und in der Näh';
Sehnsucht aber und Verlangen
Hebt vom Boden in die Höh'.
An der Quelle find's Najaden,
Sind Sylphiden in der Luft,
Leichter fühlt ihr eucy im Baden,
Leichter noch in Himmelsduft;
Und das Plätschern und das Wallen,
Ein und andres zieht euch an:
lasset Lied und Bild verhallen,
Doch im Innern ist's gethan!

X.

In dem ernst lieblichen Feld- und Waldgebüsch liegt, den Rüden gegen uns gekehrt, ausgestredt auf Moos und Kräutern, über der Urne gelehnt, die schlankste Gestalt, nackende Reize dem Auge barbietend. Des mit leichtem Schilffranze gezierten Hauptes geringe Wendung läßt uns ein unbefangenes jugendliches Gesicht sehen, völlig zu der untadeligen Gestalt passend; ste scheint auf einen Vogel zu achten, der aus dem Rohr, auf dem Rohr sein Nest vertheidigend, mit Leidenschaftlichem Geschrei gegen sie anstrebt; es scheint, als habe das zarte Thierchen die Halbgöttin ießt erst gewahrt, und die Störung seines stillen, sichern Ansiedelns furchtsam lebhaft empfunden. Aber so ganz einsam ist unsere Schöne nicht hier oben; nur etwas höher und rückwärts, im Dunkel einer Felsgrotte, ruht in der Dämmerung des Widerscheines eine ältere , obgleich nicht weniger anmuthige Gespielin. So dürfen wir sie nennen: denn die beiden überfließenden Urnen senden ihre spielenden Wellen Einem Bett zu; vereint fließen ste hin, und scheinen das mäddhenhafte Gespräch in ihrem Laufe fortzuführen.

Wie aber zwei vertraute Freundinnen sich wohl einmal entzweien, und eben auch so zusammengeflossene Bäche nach Umständen wieder sich trennen, das haben wir in wenigen Reimen doppelsinnig auszudrücken gesucht:

Jeßo wallen sie zusammen,
Rühle fühlt und birgt die Flammen:
Tiefer unten werden Hirten
Sicy zum Wonnebad entgürten;
Um den Schönsten von den dreien
Werden beide fich entzweien.
Diese fließt in offner Schwüle ,
Jene zu gewohnter Mühle ,
Sucht den liebsten in der Mühle.

XI.

Sehen wir doch in der Wirklichkeit auf unmerklichem Draht, auf schwankem Seil wandelbare Bewegungen, fühnen Sprung auf Sprung, Blick verwirrenden Körperwedysel; über folder Kraftentäußerung und Anmuthserscheinung vergessen wir die geringen Hülfsmittel, welche diese wundersame Welt flüchtig begründen; nur auf das Bild schauen wir, das uns entzückt, den Begriff eines neuen Handwerks mittheilt und eine liebliche Kunstwerk eröffnet.

Und so haben auch die antiken Maler beim anschaulichen Nachbilden Tanzender, die des Bodens nicht zu bedürfen scheinen, da sie ihn kaum berühren, diesen Boden sowohl als jedes irdische Hülfsmittel, Sprungund Flugwerk beseitigt, ihre Gestalten in der Luft schwebend auf einfachem Grunde gehalten, wie sie der Einbildungskraft, die sich ihrer, von allem Nebenwerk abgesondert, am liebsten erinnern mag, frei und unbedingt vorschweben. Auf solche Weise steigert auch Tischbein sein idyllisches Bestreben; auf leichtem Rohrgezweige hebt er seine Muse empor, wie wir begleitend auszudrücken suchten:

Was sich nach der Erde senkte ,
Was sich an den Boden hielt,
Was den Uether nicht erreicht,
Seht, wie es empor sich schwenkte,
Wie's auf Rohr und Ranken spielt!
Künstlerwille madıt es leicht.

XII.

Durch diesen Uebergang jedoch werden wir in die Lufthöhe geführt, und in ätherischer Weite uns zu bewegen eingeladen. Hoch im finstern Luftraum schwebt im weiten Mantel, der sich um und über sie wolkenartig faltet, eine schlanke Gestalt; im Fortschweben sieht sie sich um nach dem fanften Lichte, das von unten zu ihr hinaufblidt, ihr holdes Angesicht fo wie die nadten Sohlen erleuchtet.

Nicht lange bleiben wir über die Bedeutung der Schwebenden unaufgeklärt; um ihr Hauptwinden sich Rosen an Rosen in unbekränzten Cirkeln; Auroren erkennen wir da. Der Gedanke, sie so vorzustellen, ist freundlich genug. Denn wie wir sonst auf heiligen Bildern um das Haupt der verklärten Mutter Gottes Kreise von Engelsköpfchen sehen, die sich nach und nach in glänzende Wölkchen auflösen, eben so ist es hier mit den Rosen gemeint, zu welchen die roth gesäumten Wölkchen der Morgendämmerung bedeutungsvoll gestaltet sind. Wir begrüßten sie mit folgendem Reim:

Wenn um das Götterkind Auroren
In Finsterniß werden Rosen geboren,
Sie fleucht, so leicht, so hoch gemeint,
Die Sonne ihr auf die Fersen scheint.
Das ist denn doch das wahre Leben,
Wo in der Nacht auch Blüthen schweben.

XIII.

Eine noch lieblichere Gestalt schwebt näher an uns heran, obgleich verschleiert, doch so gut wie nadt. Die Art ihres Erscheinend drücken wir folgendermaßen aus:

Ohne menschliche Gebrechen,
Göttergleich mit heiterm Sinn,
Thauig Moos und Wasserflächen

Ueberschreitend schwebt sie hin. Wir mochten bei ihr gern der Morgenstunde gedenken; denn auf diese scheint sie uns zu deuten, wo sich leichte Nebel von feuchter Stelle augenblidlich hervorhoben, um als Thau die benad barten Hügelflädjen sonnenscheu zu erquiđen, und zu verschwinden. Eben so wenig dürfen wir hoffen, diese liebenswürdige Gestalt anzuhalten, uns ihrer zu bemächtigen. Sie zieht vorüber, und läßt uns traurig zurück, so wie die Morgenstunde, wenn wir sie auch treulich genügt, immer zu früh enteilt, um uns der Mühe des Tages zu überlassen. Deshalb fügten wir hinzu:

Heute floh sie, floh wie gestern,
Riß der Muse fich vom Schooß;
Ah! sie hat so lästige Schwestern,
Peinlich werden wir sie los.

XIV.

Die leichte Bewegung eines zierlichen Gestaltenpaars erinnert uns an die heitersten gesellig festlidien Stunden. Zwei leicht gekleidete Feenmädchen scheinen sich im Fluge zu begegnen; so eben vor einander vorbeischwebend, sehen beide sich um, als wollten sie die liebliche Gespielin so schnell nicht aus den Augen verlieren. Zierlichste Biegung der Körper, anmuthigste Bewegung der äußersten Glieder, augenblickliche Verschlungenheit zweier gleich lieblicher Wesen erinnerten uns an unschätzbare Zeiten, wo die frohe Hora weichend uns der frohern übergibt, und das Leben, einem Tanzreihen gleich, sich auf das anmuthigste wiederholend dahinschwebt.

Alles was uns bewegsam beglückte, Musik, Tanz, und was sonst noch aus mannichfaltigen, lebendig beweglichen Elementen sich entwidelt, im Contraste fich trennt, harmonisch wieder zusammenfließt, mag uns wohl beim Anblick dieses Bildes in Erinnerung treten. Dieß sind gerade die schönsten Symbole, die eine vielfache Deutung zulassen, indeß das darges stellte Bildliche immer dasselbe bleibt. Diesmal entließen wir sie mit dem einfachen Ausruf:

Wirket Stunden leichten Webens,
Lieblich lieblichen begegnend,
Zettel, Einschlag längsten Lebens,
Scheidend, kommend, grüßend, segnend!

XV.

Und wie denn der kluge Feuerwerker seine blendenden Darstellungen gewöhnlich mit einer Raketengarbe zu enden pflegt, so hat auch unser Freund,

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