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bekannt; erst im siebenzehnten Jahrhundert unter Heinrich VIII. kam er in Aufnahme und bildete zu Shakespeare's Zeiten das Hauptgetränk der Zecher aus den bessern Ständen. Zu dieser Zeit begann auch der Import süßer Weine aus Spanien, namentlich von Malaga und von den Canarischen Inseln; die verwöhnte Dortchen Lackenreißer trinkt z. B. Canariensect. Dem herben Sherry wurde sehr häufig, so namentlich auch von dem Schlemmer Falstaff, Zucker zugesetzt; auch wurde er (burned sack) heiß gemacht?) und mit sonstigen Ingredienzien, z. B. geröstetem Brod angesetzt. Brew me a bottle of sack finely, sagt Falstaff in den lustigen Weibern. Eier will er indeß nicht zugesetzt haben. Der von ihm gerügte Zusatz von Kalk (Gyps) kommt übrigens noch heute in Spanien vor, wenn auch nicht als Fälschung, so doch als Mittel, den Wein rascher trinkbar und haltbarer zu machen.

Neben dem Sack erwähnt Shakespeare in einzelnen Fällen noch griechischer oder italienischer Weine, z. B. Malvasier und Muskat. In den Dramen aus dem Alterthum, in die er doch unmöglich den Sekt seiner Zeit verpflanzen konnte, spricht er in der Regel nur im Allgemeinen von Wein'. Auch der französische Rothwein, der Claret, findet in Heinrich VI. Erwähnung, desgleichen der Rheinwein im Hamlet, Kaufmann von Venedig u. s. w.

Im Gegensatz zu dem Trunk der bessern Classen, dem Begeisterungsmittel der eigentlichen Zechbrüder Shakespeare's, steht das Bier. Man kannte zu seinen Zeiten Doppel- und Dünnbier. Letzteres vornämlich ist in seinen Dramen das Getränk gemeiner Leute; Neigung zum Dünnbier gilt bei Shakespeare, wie aus vielen Stellen, z. B. in Heinrich IV., direct hervorgeht, für etwas Gemeines, und die Bierschenke für den Sammelplatz der schlechten Gesellschaft. Der Kesselflicker Schlau hat sich in Bier betrunken; in den schlechten Häuser z. B. bei der Kupplerin Frau Ueberlei in 'Maß für Maß', wird Bier verzapft. Auch das Ale findet mehrfach Erwähnung; Dortchen Lackenreißer nennt Pistol einen bottle ale rascal, was Schlegel mit Bierschlingel übersetzt.

Der Branntwein war zu Shakespeare's Zeiten in England längst bekannt, muss jedoch als habituelles Berauschungsmittel der unteren Klassen noch wenig in Gebrauch gewesen sein. Unter der Bezeichnung Liquor oder acqua vitae kommt der Branntwein mehrmals bei Shakespeare vor; die Bezeichnung brandwine finden wir erst nach seinen Zeiten bei Beaumont und Fletscher, noch später des Wort brandy. Shake

1) Noch heute wird in verschiedenen Theilen Englands der Ausdruck sack oder burned sack von Sherry gebraucht, den man durch Hineinhalten eines glühenden Schüreisens (pocker) erwärmt hat. Auch wird mit sack noch heute eine bestimmte Sorte süssen spanischen Weins bezeichnet.

speare läßt den Todtengräber im Hamlet Schnaps holen; auch wird mehrfach der Hinneigung alter Weiber zum Branntwein gedacht, z. B. in "Was ihr wollt', desgleichen der Irländer in den lustigen Weibern'. Aqua vitae scheint mehr als Stärkungs-, denn Berauschungsmittel in Gebrauch gewesen zu sein; dahin deuten Stellen in 'Romeo und Julia', Komödie der Irrungen' u. s. w. Von den Trunkenbolden Shakespeare's ist wenigstens keiner dem Branntwein verfallen. Man sollte wohl Bardolph in eine Alkoholatmosphäre eingehüllt glauben; allein Falstaff erwähnt ausdrücklich des Sectes, als des Nahrungsmittels dieses Salamanders. Nur zuletzt, in den 'lustigen Weibern', geht er unter als Bierzapf; doch das ist eben nicht mehr der eigentliche Bardolph, der bereits in Heinrich V. weil er eine 'nichtige Monstranz' gestohlen, aufgehängt wurde. Selbst der Mörder Bernardino berauscht sich im Gefängniß in Wien nicht in Schnaps, sondern in Wein. - Noch erwähnt Shakespeare einer besonderen Sorte starken Branntweines, des Tickle-brain; Peace, good tickle-brain, sagt Falstaff zu Frau Hurtig, was Schlegel mit Frau Schnaps übersetzt.

Möge diese anspruchslose Wanderung durch das Gebiet einer der weitverbreitetsten menschlichen Schwächen den Beweis liefern, wie allumfassend der Genius Shakespeare's war, und daß er uns auf den Höhen wie in den Tiefen des Menschengeschlechts, in der Schilderung seiner Tugenden wie seiner Schwächen überall gleich glänzend entgegen tritt. Nichts am Menschen ist ihm zu hoch, nichts zu niedrig, als daß er es nicht in den Lichtkreis seiner Forschung gezogen und in seinen unsterblichen Dramen, dieser großartigsten Fundgrube der Kenntniß menschlichen Wesens, verwerthet hätte.

Die medicinische Kenntniss Shakespeare's.

Nach seinen Dramen historisch-kritisch beleuchtet

von

Reinhold Sigismund,

Dr. med. Prakt. Arzt zu Weimar.

Einleitung und Vorrede. Ueber die medicinische Kenntniß Shakespeare's ist schon von verschiedenen Autoren geschrieben worden. In England war es besonders Dr. J. Ch. Bucknill, The Medical Knowledge of Shakespeare. London 1860. In Deutschland gab G. Cless eine Medicinische Blumenlese aus Shakespeare. Stuttgart 1865. C. Stark, König Lear. Eine psychiatrische Shakespeare -Studie. Stuttgart 1871. Dr. H. Aubert, Shakespeare als Mediciner. C. Thiersch, Medicinische Glossen zu Hamlet. In Amerika schrieb A. 0. Kellogg, Shakspeare's Delineations of Insanity, Imbecility, and Suicide, New-York 1866.

Dennoch ist es uns als eine würdige Aufgabe erschienen, die medicinische Kenntniß Shakespeare's einer eingehenden Bearbeitung zu unterwerfen, denn keine der bisher erschienenen Schriften ist dem reichen Stoffe ganz gerecht geworden. Selbst Dr. Bucknill, der ein Drama nach dem andern vornimmt, ohne das Zusammengehörige übersichtlich an einander zu reihen, lässt manches Wichtige unbesprochen. Als unser Verdienst können wir hinstellen, daß wir alle Aussprüche, welche denselben Stoff behandeln, zusammengefügt und diese nach der Geschichte der Medicin beleuchtet haben, um sie mit den modernen Ansichten zu vergleichen. Nur auf diesem Wege können wir das Verdienst Shakespeare's begreifen und würdigen, denn nur so lernen wir, wie erleuchtet jener große Mann zu einer Zeit gewesen ist, wo gerade die gelehrte Welt, besonders die medicinische, mit wenig Ausnahmen mißverstandenen Autoritäten und dem crassesten Aberglauben huldigte.

Die angeführten Stellen sind in der Schlegel-Tieck'schen Uebersetzung wiedergegeben. Bei allen haben wir den englischen Text verglichen und da, wo wir es nöthig fanden, die Uebersetzung geändert oder Erläuterungen beigefügt.

Erste Abtheilung.

Die Aerzte.

Um Shakespeare's Bedeutung für die medicinische Wissenschaft genügend würdigen zu können, muß man ihn im Lichte seiner Zeit betrachten. Manche seiner Aeusserungen, die dem oberflächlichen Leser nicht auffallen, weil sie mit den heutigen Ansichten übereinstimmen, erlangen von obigem Gesichtspunkte aus ein ganz anderes Gewicht.

Die Aerzte zu Shakespeare's Zeit kannten so gut wie nichts von dem Streben der heutigen Wissenschaft nach vorurtheilsloser Erforschung der Wahrheit. Die damalige Medicin war nichts weiter als eine Ueberlieferung von Lehrsätzen, die nur deßhalb für wahr galten, weil sie von den berühmten alten Aerzten Hippokrates und Galen aufgestellt worden waren. Niemand gab sich die Mühe, die Wahrheit dieser Lehrsätze durch ernste Versuche zu prüfen, und statt am lebenden Organismus die Wissenschaft zu studiren, ahmten die Aerzte damaliger Zeit den Theologen nach, welche an dem überlieferten Worte Gottes nicht rütteln lassen wollten; ja sie kämpften fanatischer für die Aussprüche des Hippokrates und des Galen, als jene für die Sätze der heiligen Schrift. Die Aerzte des Lesage, des Molière, welche wegen ihres Gezänkes um mißverstandene Worte des Galen am Krankenbette verspottet werden, sind keine Phantasiegebilde der übelwollenden Dichter, sie haben wirklich in dieser Weise gehandelt und gelebt. Als der berühmte Anatom Vesalius . durch seine unsterblichen Untersuchungen die Irrthümer nachwies, welche Galen bei seiner Beschreibung des menschlichen Körpers gemacht hatte, erwiderte man, weil man ihn nicht widerlegen konnte, die Menschen seien zu Galen's Zeit anders gebaut gewesen; nur um die Autorität des Letzteren aufrecht zu erhalten. Paracelsus führte statt der bisher gebräuchlichen Mittel mineralische Stoffe in den Arzneischatz ein, besonders Antimon, und da er hierdurch von Hippokrates und Galen abwich, verdammte ihn und seine Anhänger die Pariser Facultät, ohne aber zu untersuchen, ob er Recht oder Unrecht habe. Ja, der Pariser Arzt Turquet de Mayerne, welcher für die Mittel des Paracelsus eintrat,

wurde von der Pariser Facultät ausgestoßen, weil er unverschämt und in der wahren Medicin unwissend sei. Alle Aerzte werden ermahnt, seinem Beispiele nicht zu folgen, sondern dem Hippokrates und Galen treu zu bleiben. Aus diesen Beispielen läßt sich leicht der Stand der damaligen ärztlichen Wissenschaft begreifen. Beurtheilungskraft, Freiheit von Vorurtheilen, von hergebrachten Lehrmeinungen, Selbstforschungstrieb sind die Eigenschaften, welche einen tüchtigen Arzt ausmachen, sie fehlen den damaligen, im Irrwahne befangenen Medicinern gänzlich. Ja, von Leichtgläubigkeit, Geneigtheit das Widersinnigste, Unnatürlichste für wahr zu halten, waren sie ebenso erfüllt wie der ungebildete Theil des Volkes; sie erdachten und beförderten selbst den crassesten Aberglauben wie Sterndeuterei, Glauben an Zauberkunst, Hexerei, den Stein der Weisen und dergl. mehr.

Shakespeare's eigner Schwiegersohn, Dr. Hall in Stratford, welcher 1607 dessen Lieblingstochter geheirathet hatte, war Arzt und hinterließ Aufzeichnungen über eine Reihe von ihm behandelter Krankheitsfälle, welche den niedern Stand der damaligen Medicin besser beweisen, als hundert Abhandlungen. Eine wissenschaftlich begründete Diagnose kennt er nicht, die hervorstechendsten Krankheitssymptome werden aufgeführt und gegen diese wird mit dem ganzen Rüstzeuge der damaligen Kunst, die besonders in Abführmitteln groß war, vorgegangen. Als Beispiel seiner crassen Leichtgläubigkeit führen wir nur an, daß er bei einem Fieber, welches ihn selbst befiel, dessen nähere Bezeichnung er aber schuldig bleibt, eine Taube, welche lebend aufgeschnitten wurde, an die Füße appliciren ließ, um die Dünste niederzuziehn! And so I (he, she, it) was cured lautet der stets wiederkehrende selbstzufriedene Refrain seiner Krankheitsgeschichten.

Es wäre wunderbar, wenn dem klaren Auge des großen Dichters die Schwächen der damaligen Heilkunde entgangen sein sollten. Er geißelt jedoch nicht wie Molière und Lesage die im Grunde unwissenden, sich aber mit großen Worten brüstenden, Aerzte seiner Zeit. Nur wenig Stellen sind es, die ähnlich einer Anklage lauten. Im Timon' III, 3. spielt er an auf die Gewohnheit damaliger Aerzte, Kranke, die sie für unheilbar hielten, ihrem Schicksale zu überlassen. Dies galt als kluge Politik, welche von manchen Schriftstellern geradezu ganz besonders empfohlen wird. “Die Freunde sind wie Aerzte beschenkt und lassen ihn: ich soll ihn heilen?' heißt es dort. Timon IV, 3:

Traut keinem Arzt;
Sein Gegengift ist Gift und er erschlägt
Schlimmer, als ihr: raubt Gold zusammt dem Leben.

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