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philiströsen Welt zu erheben, nicht aber den Menschen ins Gebiet des Thierischen hinabzudrücken. Wer hat nicht schon gefühlt, wenn ihm edler Wein zu Kopfe zu steigen begann, wie er vorurtheilsfreier, entschlossener, muthiger urtheilt, aufopferungsfähiger, wohlthätiger wurde, wärmer in der Liebe und Freundschaft, wärmer für das Schöne und für alle idealen Aufgaben der Menschheit! Dabei kann es bei lebhaften und geistreichen Menschen wohl geschehen, daß sie sich hinreißen lassen, das physische Maaß zu überschreiten; allein sie können sich niemals absichtlich betrinken, niemals Vergnügen an dem eigentlichen Zustand der Trunkenheit empfinden. Hier scheiden sich der fröhliche Zecher und der Trunkenbold; der Erstere kann zum Leichtsinn herabsinken, Gemeinheit nur der Letztere. Die edle Natur des Prinzen Heinrich geht unbefleckt aus den ,mit Maaß gelenkten Ausschweifungen' hervor.

Den ethisch über Falstaff stehenden Personen seines Kreises, namentlich Prinz Heinrich und Poins, tritt aber nun eine hochkomische Musterkarte von Gewohnheits- und Gelegenheitstrinkern aus niederen Sphären entgegen. Zuerst sein unentbehrlicher Diener und Gefährte Bardolph, auf den Falstaff stets die Geschosse seines Humors niederhageln läßt, wenn kein besserer Ableiter zur Hand ist. Schon die Personalbeschreibung dieses Trunkenbolds ist klassisch. Sein Gesicht erinnert Falstaff an das höllische Feuer. Er hat ihm an die tausend Mark für Kerzen und Fackeln erspart, wenn sie Nachts von Schenke zu Schenke wanderten; aber für den Sect, den Bardolph ihm getrunken, hätte Falstaff ebenso wohlfeil bei dem theuersten Lichterzieher Europas Lichter haben können. Seit zweiunddreißig Jahren hat er diesen Salamander mit Feuer unterhalten. Falstaff räth ihm, seine Kupfernase und seine Backen ausmünzen zu lassen. In Heinrich V. hat sich sein Aussehen noch gehoben; Fluellen sagt von ihm: Sein Gesicht ist nichts wie Pusteln, Knöpfe und Feuerflammen und seine Lippen plasen ihm in die Nase und sie seyn wie feurige Kohlen, manchmal plau und manchmal roth'. Falstaff's letzter Witz auf seinem Sterbebette betrifft Bardolph's rothe Nase, auf der er einen Floh sitzen sieht, den er mit einer schwarzen Seele im höllischen Feuer vergleicht. Bardolph steht als Gewohnheitssäufer weit unter Stephano, dem doch noch der Humor geblieben ist; er ist stumpf und steif geworden vom vielen Trinken, einsilbig und geistesträg. Die Zustände der Trunkenheit und Nüchternheit sind bei ihm kaum zu unterscheiden; er bringt es gleichsam gar nicht mehr fertig, sich sinnlos zu betrinken, weil er jedes Quantum vertragen kann. Man könnte ihn den chronisch Betrunkenen nennen.

Ein ganz abweichendes Bild acuter Trunkenheit bietet der Fähndrich Pistol. Dieser aufgestelzte, lumpige Renommist erscheint betrunken im

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wilden Schweinskopf, wo Dortchen Lackenreißer den „abgestandenen Schuft' mit allen erdenklichen Ehrentiteln überhäuft. Er spielt zuerst, mit seinen aufgegabelten Theaterphrasen, den Poltron, bis Falstaff den ihm wohlbekannten Feigling mit dem Degen zur Thüre hinaus treibt und Bardolph ihn auf die Straße wirft, eine Episode, in der die habituelle Gemeinheit eines Renommisten sich durch die Trunkenheit bis an die Grenze des Eckelhaften steigert, so daß selbst der chronische Trunkenbold Bardolph sich noch vortheilhaft gegen Pistol abhebt.

Höchst ergötzlich ist die kleine Scene (Heinrich IV. 2. Th. A. II. Sc. 2), wo der alte Sünder Bardolph den Pagen Falstaff's zum ersten Mal zum Trinken verführt hat. Der Page erscheint allerdings nicht betrunken, sondern er hat nur einen Spitz'; er zeigt sich so geschwätzig und vorlaut, wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal ,tipsy' ist. Auch Bardolph erscheint in dieser einen Scene etwas stärker (angerissen' und dabei gesprächiger als gewöhnlich, eine köstliche Zusammenstellung des alten Trunkenbolds und des leichtsinnigen Verführten.

Was Bardolph am Pagen, das vollführt schließlich Falstaff im großen Styl an dem albernen, geistesbeschränkten Friedensrichter Stille. Er macht ihn mit wahrem Behagen, durch vieles Vortrinken, sinnlos betrunken, und ergötzt sich daran, wie in der Phantasie des alten, saft- und kraftlosen Friedensrichters die Bilder und Gesänge einer lustig verlebten Jugend wieder auftauchen. Es ist ein dem Lebenabgelauschtes Cabinetsstückchen der Trunkenheitsmalerei, wie der sonst so blöde und einsilbige Schwachkopf wieder geschwätzig und dreist wird, und wie aus der Ehrbarkeit des Alters die noch glimmenden Funken jugendlicher Lüsternheit emporschlagen.

Wir kommen nun bei der Bankettscene auf der Galeere des Pompejus (Antonius und Cleopatra, A. II. Sc. 7) an. Shakespeare begiebt sich damit auf classischen Boden; doch die Trunkenheit und der Uebermuth der Zecher haben sich unzweifelhaft zu allen Zeiten in gleicher Weise geäußert. Es ist dies die größte Ensemble-Scene der Ausgelassenheit im Weinrausche, die Shakespeare geschaffen hat. Und doch unterscheidet sie sich specifisch von den bisher geschilderten Auftritten vereinzelter oder geselliger Ausschweifungen im Trunke. Es handelt sich hier um ein diplomatisches Bankett, um die Besiegelung eines eben geschlossenen politischen Bündnisses zwischen Pompejus und den Triumvirn. Die Vertreter der ganzen Welt, die Weltentheiler wie Menas sagt, kneipen einmal 'zusammen. Der allgemeine Rausch verbrüdert auf einen Augenblick die heterogensten Elemente, verdeckt die ehrgeizigen selbstsüchtigen Pläne der Machthaber, wie die verrätherischen Absichten eines Menas, verhüllt unter seiner Decke die Risse, welche die politische

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Jahrbuch XVI.

Welt spalten. Die Aeußerungen des lauernden und ungelösten Zwiespaltes, wie sie aus dem Gewühl des wilden Trinkgelages von Zeit zu Zeit auftauchen, verleihen der Scene einen ganz eigenthümlichen Reiz. Der bachantische Tanz, den der jovialste der Zecher, Enobarbus, anführt, ist der verkörperte Tanz auf einem Vulkan'. Welche großartige Idee, die Herrscher der Welt in wilder Trunkenheit zusammen tanzen zu lassen!

Von besonderem Interesse ist die specielle Ausmalung der verschiedenen Wirkung des Weins auf die Triumvirn. Dem kalten, berechnenden, nie lächelnden Cäsar ist das Trinken zuwider; nur aus politischer Convenienz und geselliger Höflichkeit trinkt er die Gesundheiten, die sich nicht abweisen lassen, und bricht auf, sobald es die Rücksicht auf den Wirth nur eben gestattet. Antonius, aus der egyptischen Schwelgerschule, ist dagegen bei solchen Scenen ganz in seinem Elemente; sie sind ihm etwas Alltägliches und regen ihn weiter nicht auf. Der Schwachkopf Lepidus endlich, der leidenschaftliche Friedensstifter, betrinkt sich für das Wohl und den Frieden der Welt. Sein schwaches Gehirn faßt es nicht, wie seine politische Bedeutung, als dritter Weltentheiler, nur in dem Zwiespalt der beiden wirklichen Machthaber, Cäsar und Antonius, und dessen geschickter Benutzung aufrecht zu erhalten wäre. Mit der Versöhung Aller, arbeitet er an seinem eignen Untergang.' Wenn nur Einer', sagt der zweite Diener, dem Andern den wunden Fleck berührt, ruft er: haltet ein! und macht, daß jeder sich seinen Friedensworten und er sich dem Becher ergiebt.' Und der philosophirende erste Diener zieht die Nutzwendung: ‘Zu einer großen Sphäre berufen sein und sich nicht einmal darin bewegen können, ist wie Löcher, wo Augen sein sollten'. Lepidus trinkt auf seinen eignen Untergang, und wie er von Antonius und Pompejus verspottet und dann, sinnlos trunken, von Bord getragen wird und Menas und Enobarbus sich über das trunkene 'Drittheil der Welt lustig machen, da wirft diese Trunkenheit schon ihre Schatten voraus auf seine bald folgende politische Vernichtung.

Mit Lepidus hat unser Dichter die höchste sociale Stufe der Trunkenen erstiegen, aber zugleich die nivellirende Eigenschaft des Trunks illustrirt. Denn die albernen Redensarten des betrunkenen Triumvirs und die objective Komik seines Auftretens, weisen ihm höchstens einen Platz neben dem Friedensrichter Stille an. In eigentlichen Zechergestalten bereichert die Galeerenscene unsere Sammlung nur durch den jovialen Enobarbus; ein zechender Landsknecht hatte bisher in der Musterkarte von Shakespeare's Zechbrüdern noch gefehlt.

Nach Beobachtung dieser Gruppenbilder von Zechenden und Trunkenen sind noch einige vereinzelte, aber für die erschöpfende Schilderung der Wirkungen des Weines auf die verschiedenen Individuali

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täten sehr charakteristische Einzelerscheinungen der Betrachtung zu unterziehen.

Zuerst zwei zänkische Trunkene ganz verschiedener Anlage, Mercutio und Cassio. Bezüglich des Ersteren bin ich allerdings wohl der Erste, im Gebiet der Shakespearekritik, welcher die Behauptung aufgestellt hat, daß Mercutio's herausforderndes Benehmen gegen Tybalt nur auf Rechnung eines angetrunkenen Zustands gesetzt werden könne.) Und doch scheint mir dies ganz unzweifelhaft. Der Prinz hatte soeben erst die Erneuerung der Feindseligkeiten zwischen den Montagues und Capulets mit dem Tode bedroht. Ohne die Aufregung des Weins ist es zunächst kaum denkbar, wie Mercutio in so frivoler Weise den Streit mit Tybalt herbeigeführt haben könnte. Was mir aber die Intention des Dichters unzweifelhaft macht, ist der Inhalt des Gesprächs mit Benvolio, der Mercutio zu entfernen sucht, um Streit zu vermeiden. Benvolio ist anerkannt der vernünftigste und ruhigste von den Montagues, Mercutio der hitzigste und tollkühnste. Dieser letztere nun beantwortet die friedfertigen Ermahnungen seines Gefährten mit Beschuldigungen von dessen Zanksucht; Benvolio sei es, der, wenn er die Schwelle eines Wirthshauses betrete, sofort mit dem Degen auf den Tisch schlage; wenn ihm das zweite Glas im Kopf spuke, gegen den Kellner ziehe; der mit Einem angebunden, der auf der Straße hustete u. s. w. Mercutio zeichnet hier sein eignes Bild und überträgt es im trunkenen Uebermuth auf den friedfertigen Freund, --- eine dem Trunke eigene charakteristische Eigenschaft vieler Zänker, die von Shakespeare's feiner Beobachtungsgabe zeigt. Am Rande des Todes erwacht dann Mercutio aus seinem Rausch; im Katzenjammer verflucht er die streitenden Häuser und stirbt.

Dem Raufbold Mercutio steht die edle Figur des jugendlichen Venetianers Cassio gegenüber. Junge Edelleute in Cypern feiern beim Glase Wein die Rückkehr ihres edlen Feldherrn Othello. Mit boshafter Berechnung führt Jago ihnen den jungen Venetianer Cassio zu, von dem er weiß, daß er sehr wenig vertragen kann und dann im Rausche gleich Händel anfängt. Cassio, eine durch und durch edle Natur, kennt seinen 'schwachen unglücklichen Kopf zum Trinken' und will ausweichen; allein Jago stellt die Theilnahme an dem Gelage als eine Pflicht der Höflichkeit hin und so geht der arglose Edelmann in die Falle. Cassio wird total betrunken, schwatzt das sinnloseste Zeug, verwahrt sich dagegen, daß man ihn für betrunken halte, stößt dann auf den von Jago angestifteten Rodrigo und verwundet endlich in blinder Tollheit den edlen Montano, welcher ihn abzuhalten sucht, sich an dem jämmerlichen Rodrigo zu

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1) Siehe meine Einleitung zu Romeo und Julia. S. 29.

vergreifen. Rührend ist sodann Cassio's Erwachen aus dem Rausche, das Zurückkehren des Bewußtseins seiner Schwäche und seines Fehls, ein moralischer Katzenjammer', der die edle Natur wieder reinigt. Ihr schaudert beim Rückblick auf den trunkenen Zustand: “Jetzt ein vernünftiges Wesen zu sein, bald darauf ein Narr und plötzlich ein Vieh,

furchtbar! Jedes Glas zu viel ist verflucht und sein Inhalt ein Teufel!

Den Bildern der Zanksucht, hier bei einem Raufbold als Steigerung gewohnheitsmäßiger Raufgelüste, dort bei einer edlen Natur aus dem Umschlag der Friedfertigkeit hervorgegangen, folgt nun zuletzt noch ein Bild der Schwatz haftigkeit, welche der Wein bei manchen Individuen erzeugt. Es wird repräsentirt durch Borachio, den schurkischen Gehilfen Don Pedro's in ‘Viel Lärm um Nichts' (A. III. Sc. 3). Die Lösung der Verwicklung dieses unbedeutenden Lustspiels wird nämlich dadurch herbeigeführt, daß Borachio, ganz in der Nähe der horchenden Wache, seinem Cameraden Conrad den ganzen Hergang des zum Verderben Hero's in Scene gesetzen Betrugs 'wie ein redlicher Trunkenbold' ausplaudert. Die Trunkenheit wird hier nicht an sich geschildert, sondern nur als ein Motiv verwandt, um die Unvorsichtigkeit Borachio's weniger auffallend, die Lösung der Verwicklung weniger unwahrscheinlich zu machen; Borachio ist jedenfalls der Uninteressanteste von Shakespeare's Trunkenen.

Hiermit ist die Reihe der Zechbrüder und Trunkenen 'in Shakespeare's Dramen erschöpft. Denn die Lady Macbeth in diesen Rahmen mit aufzunehmen, weil sie sich in der Mordnacht durch Wein aufregt, wäre wohl unstatthaft. Kaum eine Kategorie, die in diesen Schilderungen noch fehlte; es ist derselbe Reichthum, welcher Shakespeare's Charaktermalerei auszeichnet: stets Originalität, nie Wiederholung.

Es lohnt nun wohl schließlich der Mühe, auch des Stoffs zu erwähnen, woraus die Tafelrunde der Shakespeare'schen Zecher ihre Begeisterung schöpfte. Obenan steht der Sect. Die Untersuchungen Henderson's (Historie of ancient and modern Wines), sowie der namhaftesten Shakespeare-Kritiker, lassen nicht den mindesten Zweifel mehr zu, daß unter Sack (vino secco) lediglich herber spanischer Wein zu verstehen ist; zum Ueberfluß braucht Falstaff in einzelnen Fällen ausdrücklich die Bezeichnung sherris-sack. Indem Shakespeare seine Zecher in Heinrich IV., ebenso wie die Schiffbrüchigen auf Prospero's Insel und die zechenden Landjunker in Illyrien unsern Sherry trinken läßt, begeht er allerdings einen der Anachronismen, die bei ihm so häufig sind, indem er Ereignisse oder Gewohnheiten seiner Zeit auf frühere Zeiten überträgt. Zu Heinrichs IV., also zu Falstaff's Zeiten, war nämlich der Sherry in England noch gänzlich un

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