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lichen Charakters, sondern wilder, viehischer Rohheit. Dieses Mittelding zwischen Mensch und Dämon, dieses rohe Naturkind kommt nun zufällig in Berührung mit dem Kellner Stephano, der sich auf einem Fasse Wein aus dem Schiffbruche gerettet hat, und in trunkenem Uebermuth dem seltsamen Ungeheuer Caliban, halb zwangsweise, Sect in das Maul gießt. Die Wirkung ist zündend. Caliban hält den Sect nicht für ein irdisches Getränk; der Geber desselben erscheint ihm vom Himmel gefallen, ein Gott, dem er die Schuhe lecken, zu dessen Knecht er sich einschwören will. Der Wein erhebt ihn in eine ganz neue, bisher ungekannte Gefühlssphäre; der erste Rausch macht Epoche in seinem ganzen Seelenleben. Mit der steigenden Trunkenheit steigert sich aber nur seine Gemeinheit und Schlechtigkeit; er will Stephano verführen, seinen Herrn Prospero im Schlafe zu ermorden und seine Tochter zu entehren, was er in den ekelhaftesten Bildern ausmalt. Als Stephano auf den Plan eingeht, verfällt er in die tollste, wildeste Lustigkeit; der Betrunkene muss singen. Das Terzett Neckt sie und zeckt sie, und zeckt sie und neckt sie ist insbesondere der ergötzlichste und tollste Ausdruck ihres Säuferjubels, eine drastische Illustration zu Goethe's: 'Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen'.

Gleich schwer betrunken, und doch der vollendetste Gegensatz zu Caliban, ist der Kellner Stephano, ein alter Berufs- und Gewohnheitssäufer, nicht ohne humoristische Anlage, wenn auch von der niedrigsten Art. Wie Caliban zum erstenmal in seinem Leben die Wirkung des Weingenusses spürt, so ist die Trunkenheit bei Stephano der normale Zustand. Nicht berechnende Schlechtigkeit, sondern mehr der tolle Uebermuth des Säufers lassen ihn auf Caliban's Plan, Prospero zu ermorden und sich an dessen Stelle zum Herrn der Insel zu machen, eingehen; sein Humor gefällt sich darin im Voraus gegen Caliban und Trinculo König zu spielen, deren Huldigungen entgegen zu nehmen und überhaupt seinen trunkenen Herrscher-Phantasieen freien Lauf zu lassen. Als der Mordplan später zur Ausführung gelangen soll, verdrängt ihn das niedrige Diebsgelüst nach ein paar glänzenden Kleidern vollständig aus seinen Gedanken. Stephano ist von Natur ziemlich herzhaft und im Trunk übermüthig; doppelt ergötzlich wirkt aber die Episode, wo in der unsichtbar ausgeführten Musik Ariels das Uebernatürliche an ihn herantritt, und dem abergläubisch trunkenen Poltron ängstlich zu Muth wird, bis ihn Caliban beruhigt.

Der Dritte in diesem Kleeblatt ist der Spaßmacher Trinculo. Die Clowns bei Shakespeare lieben in der Regel den Wein. Stephano's Zureden bringt Trinculo bald in den Zustand lallender Trunkenheit, in welcher er, gleich Stephano, seinen schalen Witz an dem ,,besoffenen

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Ungeheuer“ ausläßt. Caliban aber, dem der kräftige Weinspender Stephano imponirt, lässt sich die Neckereien des schwächlichen Narren nicht gefallen, sondern hetzt Stephano auf denselben und verschafft ihm, unter Mitwirkung Ariel's, eine tüchtige Tracht Prügel. Es ist eins der ergötzlichsten Symptome der Trunkenheit bei solchen schwachen Naturen, daß sie bei Beleidigungen nicht aufbrausen, zornig werden, sondern sentimental und weinerlich (das „besoffene Elend“) zu Kreuz kriechen. So zeigt sich Trinculo, als ihn Stephano durchprügelt und wie einen Hund bei Seite schickt; er zieht sich ohne Widerworte schmollend und klagend zurück und ist später herzlich froh, da er wieder herbeigerufen und zu Gnaden aufgenommen wird. Die geheimnissvolle Musik Ariels lässt Trinculo zu schlotternder Feigheit herabsinken; der Trunk potenzirt seine abergläubische Schwäche.

Dieses seltsame Trio des rohen Halbwilden, des humoristischen Gewohnheits- und des schwächlichen Gelegenheits-Säufers führt in seinem Ensemble eine der ergötzlichsten Trunkenheits-Scenen auf, welche die Bühne kennt. So niedrig die Kultursphäre ist, in welcher sich das Kleeblatt bewegt, so kommt doch diese Scene, wenn gut dargestellt, den übrigen berühmten Trinkscenen unseres Dichters, namentlich in ,Was ihr wollt und „Auf der Galeere des Pompejus', an drastischer Wirkung vollkommen gleich, während sie an Originalität dieselben noch übertrifft, ja in der ganzen Literatur nicht ihres Gleichen hat. Besonders originell ist auch der Abschluss der Trunkenheitsepisode, wie die von Ariel herumgehetzten Säufer schliesslich, katzenjammerlich und entnüchtert, zu Kreuz kriechen und Caliban sich selbst einen dreifachen Esel nennt, den Säufer für einen Gott gehalten und den dummen Narren angebetet zu haben.

Bestimmen auf diesem Gebiet die Niedrigkeit und Gemeinheit den Rang und die Reihenfolge, so folgt auf Caliban unstreitig der in perennirender Trunkenheit bereits neun Jahre lang seine Hinrichtung erwartende Zigeuner Bernardino in Maaß für Maaß'. Ein Mensch', wie der Schließer sagt, ,dem der Tod nicht fürchterlicher vorkommt, als ein Weinrausch; sorglos, unbekümmert, furchtlos vor Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; ohne Scheu vor dem Tod und ein ruchloser Mörder.' Die eigenthümliche Hausordnung des Wiener Gefängnisses gestattet ihm, sich täglich, oft mehrmals, zu berauschen; mitunter ist er mehrere Tage hintereinander betrunken. Er schläft gerade seinen Rausch aus, als er die Aufforderung erhält, sich zu seiner sofortigen Hinrichtung vorzubereiten. Ihr Schurke', sagt er zum Boten, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen; es ist mir ungelegen. Ich thu' es nicht, daß ich mich heute hinrichten lasse.' Dieser unbußfertige Galgenhumor rettet ihm übrigens das Leben; der weichherzige Herzog will ihn nicht betrunken und un

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busfertig ins Jenseits schicken und begnadigt ihn daher, damit er sich bessere. Ueber den Erfolg meldet der Dichter nichts; es sind also Zweifel erlaubt.

Die Originalität dieses Säufergemäldes hilft einigermaßen über den widrigen Eindruck hinweg, den solche Bestialität hinterläßt. Sie kommt dem Kesselflicker Schlau, in dem Vorspiel zu der Widerspenstigen Zähmung, weniger zu gut. Er hat sich schmachvoll betrunken und

' weigert sich, mit brutalem Kesselflickerwitz, zu zahlen. Die keifende Wirthin will eben den Gerichtsdiener holen lassen, als der Lord auftritt, den inzwischen eingeschlafenen Trunkenbold erblickt, und sich, mit Hülfe einer Schauspielertruppe, den Scherz mit ihm erlaubt (das Sujet zum verwunschenen Prinzen') den Erwachenden glauben zu machen, er sei ein mächtiger Lord. Das Durchbrechen der niederen plebejischen Neigungen seines Vorlebens, durch die ihm aufgebundene Verwandlung in einen vornehmen Herrn, wirkt sehr ergötzlich ; im Uebrigen ist die Trunkenheit hier weniger subjectiv charakterisirt, als vielmehr der sinnlose Zustand, in welchen sie versetzt, zum Ausgangspunkt eines Scherzes gemacht. Schlau ist eben ein gemeiner betrunkener Kesselflicker, wie man sie zu Shakespeare's Zeiten wohl gerade so häufig auf der Landstrasse oder in der Gosse antraf, wie noch heutigen Tags, - er ist das Urbild des betrunkenen Lümmels.

Von diesen Bildern der Gemeinheit, in welchen der rohe Grundstoff der Naturen, durch den Trunk aufgerührt, in gesteigertem Grade in die Erscheinung tritt, steigen wir jetzt in die höhere Sphäre der Zechbrüder, in die Region des Kneiplebens empor. Vor der gemeinen Trunkenheit hegt die kerngesunde Natur Shakespeare's einen tiefen Abscheu, welchen er drastisch in den Ausrufungen bekundet, die er dem Lord in den Mund legt, als er den schlafenden, schwer betrunkenen Kesselflicker Schlau erblickt:

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O schenßlich Thier! da liegt er wie ein Schwein!
Graunvoller Tod, wie ekel ist Dein Abbild !

Auch die Völlerei, die nur dem rohen Sinnesrausch, dem materiellen Genuss huldigt, verurtheilt er in den Worten, mit denen Hamlet seinen Stiefvater und dessen rohe Umgebung geisselt:

Dieß schwindelköpf’ge Zechen macht verrafen
Bei andern Völkern uns in Ost und West;
Man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen

Ein schmutzig Beiwort. Ebenso herber Worte bedient sich Cassio über den Zustand wirklicher Trunkenheit.

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Allein bei den Scenen des eigentlichen Kneiplebens, wo der Wein Witz, Laune und Humor entfesselt, weilt unser Dichter offenbar mit einem gewissen Behagen und beurtheilt diese menschliche Schwäche milde.

Wir besprechen hiernach zuerst das vom Dichter nach Illyrien verlegte lustige Kleeblatt in ,Was ihr wollt', bestehend aus den Landjunkern Tobias Rülp und Christoph Bleichenwang und dem Narren Fest. Tobias Rülp, der seine verwandschaftliche Stellung in Olivia’s Hause und die Dummheit Christoph Bleichenwang's arg mißbraucht, um, selbst arm, sein schwelgerisches Leben vollführen zu können, ist offenbar das Portrait eines kleinen Landedelmannes, eines Krautjunkers aus Shakespeare's Zeit. Er betrinkt sich, wie es die Umstände mitbringen, zu jeder Tageszeit und in jedem Grade. Was ihn jedoch bei uns über Wasser hält, und nicht in die Kategorie der gemeinen Säufer sinken läßt, das ist der unverwüstliche Humor, den der Wein in ihm erzeugt. Er behauptet, daß er sich nur auf die Gesundheit seiner Nichte betrinke, ist immer guter Laune, immer aufgelegt zu Späßen, Scherzen, Neckereien und nebenbei in die schelmische Zofe Maria verliebt, die ihn vom Trunk zu heilen und zu heirathen trachtet. Als Wetzstein seines Humors schleppt er den reichen aber einfältigen Junker Christoph Bleichenwang mit sich herum, dessen Geistesschwäche sich durch den Weingenuß zu hochkomischer Wirkung entfaltet. Er ist ganz dazu gemacht, dem Witz zur Zielscheibe zu dienen und sich von Tobias gemüthlich hänseln und zugleich rupfen zu lassen. Christoph wird im Trunk immer einfältiger und alberner; nur im Katzenjammer kommen ihm von Zeit zu Zeit gesundere Gedanken über die Hoffnungslosigkeit seiner Bewerbung um Olivia, die aber Tobias bald wieder bei neuen Gelagen einzulullen weiß. Die subjective und objective Komik des Trunks ist in Tobias und Christoph geradezu meisterhaft dargestellt.

Der Dritte in diesem durstigen Bunde ist der Narr Fest. Wir hören, daß ihn Olivia seiner Neigung zum Trinken halber fortjagen will. Die beiden Junker betrachten ihn halb als untergeordneten Diener, der mit seinem Gesang ergötzen muß, halb als ebenbürtigen Trinkcumpan; der Trunk nivellirt ja die gesellschaftlichen Stellungen. Der Narr kann offenbar sehr viel vertragen; er erscheint nie wirklich betrunken, beherrscht stets die Situation und weiß seine Stellung zu den gesellig höher stehenden Trinkbrüdern sehr taktvoll zu Nutzen seiner Kehle und seines Geldbeutels zu verwerthen.

Von fast unerreichbar hochkomischer Wirkung ist das von Malvolio unterbrochene nächtliche Trinkgelage dieses lustigen Trios, mit seinen zwerchfellerschütternden Gesängen und der burschikosen Unverschämtheit des Tobias gegen den pedantischen Haushofmeister, der Ordnung im

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Hause halten will. Die Neigung aller Zechbrüder zum Gesang betont Shakespeare in dieser Scene ganz besonders.

Zum Schluß des Ganzen erscheint Tobias, von Sebastian verwundet, und total betrunken. Maria hat ihr Ziel erreicht und ihn geheirathet; allein ihre Ermahnungen haben nichts gefruchtet, aus der Besserung ist nichts geworden. Tobias brüllt nach dem Feldscheer; der Narr, der ihn foppt, behauptet, der sei betrunken. Nichts abscheulicher, als so ein

, betrunkener Schlingel', lallt Tobias, höchst charakteristisch für den Trunkenen, der stets im Nüchternen sein eigenes Spiegelbild sieht und die Zustände úmdreht.

Wir kommen nunmehr zu den berühmten Zechbrüdern im wilden Schweinskopf von Eastcheap, die sich um ihren Großmeister Sir John Falstaff gruppiren. In Falstaff finden sich viele humoristische Elemente und sinnliche Neigungen von Tobias Rülp wieder, aber in hochverfeinertem Grade. Der dicke Ritter liebt den Sect, und die Kneipe ist seine Heimath, der einzige Boden, auf dem er sich ganz wohl und behaglich fühlt. Allein er betrinkt sich nie, und nicht etwa nur, weil er unendlich viel vertragen kann, sehr hoch geaicht ist (wie die Rechnung zeigt, die der Prinz dem Schlafenden aus der Tasche zieht), sondern hauptsächlich weil er zu witzig, zu geistreich ist, um an der nackten Völlerei, welche die Herrschaft über den Geist und die Sinne verliert, Gefallen finden zu können. Das Trinken gewährt ihm wohl auch an sich einen grossen materiellen Genuß; er ist ein raffinirter Trinker und Weinkenner. Allein fast noch mehr ist ihm der Wein das Vehikel der geselligen Fröhlichkeit, des Scherzes und der Laune. Falstaff ist ehrgeizig auf seine Stellung als Oberhaupt und geistiger Mittelpunkt des so seltsam aus Prinzen, Rittern, Trunkenbolden und Schnapphähnen zusammengewürfelten Kreises von Eastcheap; Trunkenheit, die den Gebrauch seiner Geisteskräfte lähmte, würde ihn um diese Position bringen. Mit Behagen macht er Andere betrunken, ergötzt sich an der sinnbethörenden Wirkung des Weines auf einen Schwachkopf, wie Stille; er selbst aber hält an der, allerdings für ihn physisch sehr weitgezogenen Grenze inne, jenseits deren er die Herrschaft über sich selbst verlieren würde. Es ist dies ein feiner Zug unseres Dichters in diesem köstlichen Charaktergemälde; ein betrunkener Falstaff würde dasselbe wesentlich trüben. Selbst in den lustigen Weibern, wo Falstaff doch geistig und ethisch tief herabsteigt, erniedrigt ihn der Dichter nicht bis zur Trunkenheit.

Noch weniger als Falstaff hat Prinz Heinz an der eigentlichen Völlerei Gefallen. Sein übersprudelnder Jugendmuth liebt den Wein und seine Aufregungen; er soll ihm Mittel sein, sich zu ergötzen und die Gedanken und Stimmungen über das Getriebe der kleinlichen und

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