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Jahresbericht vom 17. Mai 1880.

Vorgetragen

vom

Herr Vicepräsidenten General-Intendanten Freiherrn von Loën

aus Weimar.

Den Stiftungstag der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, der in diesem Jahre zum 17. Male wiederkehrt, haben wir nicht wie bisher an dem Geburts- und Sterbetage Shakespeare's feiern können, da zwei unserer hervorragendsten Mitglieder, Delius und Elze, durch wissenschaftliche Arbeiten in Rom und London zurückgehalten wurden und eine Verlegung der Generalversammlung bis zu ihrer Rückkehr wünschten.

Sehen wir auf das verflossene Jahr zurück, so gedenken wir zunächst der Verluste, welche die Shakespeare-Gesellschaft und die Shakespeare-Gemeinde erlitten hat.

Wir nennen vor Allem Hertzberg, den weitgekannten klassischen Philologen, unser langjähriges Vorstandsmitglied und treuen Mitarbeiter; daneben Kreissig, der durch seine Vorlesungen das Interesse für Shakespeare in weitesten Kreisen verbreitete. In voller Jugendkraft starb in Neapel unser Mitglied der Professor Wagner aus Hamburg; im 83. Jahre der Geheimrath Hagen in Königsberg, der seine Theilnahme für die Gesellschaft noch in einem Beitrage bekundet, den wir in dem diesjährigen Jahrbuche abgedruckt finden. Ein jäher Tod entriß uns endlich einen fleißigen Mitarbeiter, Dr. Gericke in Leipzig, der immer treulich zu den Versammlungen kam und uns durch sein theilnehmendes und anregendes Wesen lieb und werth geworden war.

Sonst ist von unserer Gesellschaft nur Erfreuliches zu berichten. Nach einem 16 jährigen Bestande können wir mit einer gewissen Genugthuung zurückblicken und die Hoffnung hegen, daß die Gesellschaft auf guter Grundlage ruhend auch für die Zukunft Gutes wirken werde. Wir zählen jetzt 226 Mitglieder, der Verkauf unseres Jahrbuches ist im stetigen Wachsen, die Bibliothek wird jährlich ansehnlich vermehrt und ist vielfach benutzt worden. In diesem Jahre hat die Bibliothek durch Ankauf und Geschenke 80 Bände Zuwachs erhalten. Erfreulich ist ferner die Achtung, welche die Gesellschaft auch im Auslande bei Gleichstrebenden genießt und daß unser Jahrbuch in England wie in Amerika vielfach als Quelle angeführt wurde. Unsere näheren Beziehungen zu den englischen Shakespeare-Forschern bekunden sich auch in der Ernennung von allein 7 unserer Mitglieder zu Ehrenvicepräsidenten der Shakespeare-Gesellschaft in London, während wir wiederum bedeutende englische Shakespeareforscher und Freunde, so gestern erst Ward in Manchester und Flower in Stratford zu Ehrenmitgliedern ernannten.

Da unser verehrtes Vorstandsmitglied Professor Dr. Elze wegen überhäufter Geschäfte die Redaction des Jahrbuches niederlegen mußte, übernahm Professor Dr. Leo in Berlin die Redaction und ist der 15. Jahrgang, welchen die Mitglieder bereits in Händen haben, von ihm herausgegeben.

Seit 1868 hat Elze das Jahrbuch redigirt; seiner Thätigkeit, seiner Umsicht, seinem Wissen und seinen vielfachen Verbindungen verdankt das Jahrbuch zum großen Theile das Ansehen, in welchem es in weiteren Kreisen steht.

Daß unsere finanziellen Verhältnisse trotz der größeren Kosten, die das Jahrbuch beansprucht und trotz der Anschaffung für die Bibliothek durchaus günstig und geordnet sind, daß wir sogar in einem kleinen zinstragend angelegten Capitale einen Reservefond haben, mag als erfreulich und für eine gelehrte Gesellschaft bemerkenswerth hier noch angeführt werden.

Wir schließen unseren Bericht mit dem Dank an die hohe Protectorin, deren immer gleichbleibende gnädige Fürsorge und Theilnahme für unsere Gesellschaft das Wachsen und Gedeihen des Vereins wesentlich fördert.

Ich ersuche nun den Herrn Präsidenten, in dessen Auftrage ich den Jahresbericht bekannt gab, seinen Vortrag zu halten.

Bericht über die Jahresversammlung zu Weimar

am 17. Mai 1880.

Auch die 16. Jahresversammlung der Deutschen ShakespeareGesellschaft wurde in Weimar abgehalten. Die zahlreich besuchte Versammlung beehrten auch Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und die Frau Großherzogin, sowie die Erbgroßherzoglichen Herrschaften. Nach Begrüßung durch den Vorsitzenden Herrn Geh. Regierungsrath Professor Dr. Delius erstattete der Vicepräsident, General-Intendant Freiherr von Loën den (vorstehend abgedruckten) Jahresbericht. Daran schloß sich der Festvortrag des Herrn Professor Dr. Delius über die Benutzung und die Behandlung der Monologe in den Shakespeare-Dramen'. Nach diesem, mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Vortrage erstattete Herr Commerzienrath Moritz den Cassenbericht, woraus zu ersehen, daß die Mitgliederzahl auf 226 stieg und daß das Jahrbuch auch in diesem Jahre eine immer wachsende Verbreitung gefunden hat. Einstimmig wurde sodann Weimar auch für das nächste Jahr als Versammlungsort gewählt und der 15. Band des Jahrbuches (zum erstenmale redigirt durch Herrn Professor Dr. F. A. Leo) den anwesenden Mitgliedern ausgehändigt. Das für das nächste Vereinsjahr wieder gewählte Präsidium besteht aus dem Vorsitzenden Herrn Geh. Regierungsrath Professor Dr. Delius zu Bonn und den Vicepräsidenten Herrn General-Intendanten Freiherrn von Loën und Herrn Freiherrn G. v. Vincke zu Freiburg i/Br.

Die Zechbrüder und Trunkenen in Shake

speare's Dramen.

Von

Wilhelm Oechelhäuser.

Die Unerschöpflichkeit Shakespeare's im Erfinden und Zeichnen von Charakteren tritt vielleicht am glänzendsten hervor, wenn man den Weg meines verehrten Freundes Dr. Thümmel beschreitet und ganze Kategorien gleichartiger Charakterbilder zuerst kritisch zusammenfaßt, dann aber in ihre individuellen Bestandtheile auflöst. Thümmel's Aufsätze im Jahrbuch über Shakespeare's Clowns und Narren und über den miles gloriosus sind Cabinetsstücke der vergleichenden Kritik.

In gewisser Beziehung beschreiten die folgenden Zeilen einen ähnlichen Weg. Es ist allerdings keine Gruppe gleichartiger oder verwandter Charakterbilder, die sie zu zeichnen unternehmen. · Im Gegentheil: Shakespeare's Zechbrüder und Trunkene umfassen die Repräsentanten aller denkbaren Gegensätze des Charakters, der Gesinnung, Bildung, Lebensstellung. Nur ein äußeres negatives Band vereinigt sie zu Einer Gruppe,

die Gemeinsamkeit derselben Schwäche. Bei den Einzelnen aber ist der Grad, in welchem sie dieser Schwäche unterliegen, von einer einmaligen Verirrung bis zum habituellen Laster des Trunkes, ebenso verschieden, wie die Wirkung, welche dieselbe Verirrung auf die einzelnen Charaktere, je nach ihrer verschiedenen ethischen oder intellectuellen Veranlagung ausübt.

An Shakespeare ist so viel im Gebiet autobiographischer Deutung gesündigt worden, daß man in dieser Beziehung sehr vorsichtig sein soll. Allein aus seinen Trinkscenen leuchtet ein solches gemüthliches Behagen, aus seinen charakteristischen Schilderungen der verschiedenen Stadien und Aeußerungen der Trunkenheit eine so feine, vielseitige Beobachtung hervor, daß Jeder, der selbst den Freuden des Bechers hold ist, den ,,fröhlichen Zecher" in Shakespeare nicht verkennen wird. Auf diesem Gebiete reicht selbst die tiefste Kenntniß der menschlichen Natur, reicht die Intuition des Genies nicht aus; hier will selbst erfahren, selbst beobachtet sein. Einen Hamlet, Othello, Macbeth kann ein Dichter erfinden, einen Stephano, Bardolph, Tobias, Stille u. s. w. aber nur der Wirklichkeit entnehmen. Nur die eigene Beobachtung kann der Trunkenheit, wie dem Zecherleben, ihre charakteristischen Momente ablauschen. Denn die Wirkung des Weines auf die verschiedenen Charaktere ist im Voraus unberechenbar; sie spottet jeder Regel und bewegt sich in den ergötzlichsten Gegensätzen, die vielleicht nur Eine gemeinsame Schranke haben, daß der Wein nämlich nichts erfindet, sondern nur ausplaudert, daß er nur weckt und zur Erscheinung bringt, was in seinen Keimen oder Ueberresten im Individuum vorhanden ist, im nüchternen Zustand aber schlummert. Der Wein entzieht dem Menschen die Selbstbeherrschung und lähmt die Reflection; Leidenschaften, Neigungen oder Idiosynkrasien, durch Cultur, Angewöhnung oder äusseren Zwang gebändigt, die Geistesbeschränktheit durch Formen übertüncht, verschollene Erinnerungen u. s. w., --- all dieses tritt im Trunk an die Oberfläche und rechtfertigt in gewissem Sinne das Sprichwort: in vino veritas! So bieten auch die Trunkenheitsscenen dem Menschenkenner Gelegenheit zu interessanten Studien, die sich ein Shakespeare nicht entgehen liess. Er hat uns in der That von Caliban bis zum Lepidus, von Pistol bis Stille, von Bardolph bis zum Cassio u. s. w. eine Mannigfaltigkeit von Scenen und Aeusserungen der Weinlaune und Trunkenheit vorgeführt, wie vor ihm kein zweiter Dichter.

Lassen wir nunmehr diese Gestalten gruppenweise an uns vorüber ziehen, oder vielmehr wanken.) Den Reigen eröffnet billig das trunkene Kleeblatt im Sturm, auf Prospero's Zauberinsel. Im Caliban zunächst hat der Dichter nicht blos ein menschliches Individuum auf der tiefsten Stufe der Gemeinheit und Schlechtigkeit zeichnen wollen, sondern er ist die in's Dämonische gesteigerte Personification alles unedlen Grundstoffs der menschlichen Natur, die Personification des bösen Willens, wie Ulrici sagt. Der Sohn einer Hexe, betrachtet er sich als den legitimen Herrscher der Zauberinsel, seinen Herrn Prospero als Usurpator; daher sein unauslöschlicher Haß, den er offen zur Schau trägt. Seine Unfähigkeit sich zu verstellen, ist aber nicht der Ausfluß eines männ

1) Die Einleitungen zu meiner Bühnen- und Familienausgabe von W. Shakespeare's dramatischen Werken (Weimar bei Huschke) enthalten die ausführlichere Charakteristik aller dieser Rollen, bei denen hier nur das Moment der Trunkenheit besonders hervorgehoben wird,

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