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dividuum im Gegensaß zu allen Anderen - mit feinein Doppelmorde hat es nun auch diesen Pfeiler seiner Eriftenz zerstört. Jeßt bleibt nur übrig, daß feine Selbstständigkeit, dieselbe, die es in der Liebe hätte hingeben sollen, die aber für das Individuum die Bedingung und der Ausdruck aller sittlichen Entwidlung ist, verloren gehe, damit es zum werthlofen, des Allgemeinen baren Individuum herabsinfe – und auch das ist mit der Bedürftigkeit, in die das Subject nach dem vermeintlichen Verlust seiner Gattin verfiel, und der daraus ents springenden Leidenschaft geseßt. Denn wie diese, in rein individuellem Interesse felbst schon eine Sclaverei ist, so führt sie im Verein mit jener Bedürftigkeit das Subject auch noch dein falschen Freunde in die Arme, der schließlich über es gebieten wird. Damit ist sein ganzer Standpunkt, der Standpunkt des Individuums, der bürgerliche Standpunkt aufgehoben.

1. Charakteristik Othello's.

Wir gehen zu unserm Drama über. Gleich in den ersten Wors ten, die Othello spricht, deckt er den Standpunkt seiner Liebe auf: ,,Denn wisse, Jago," sagt er, ,,liebt ich die holde Desdemona nicht, nie hätt' ich meinen unbehausten, freien Stand in Band' und Schranfen eingezwängt, nicht um die Schäße der tiefen See." Schon ein erster Blick auf diese Worte lehrt, daß Othello die Ehe als eine die Freiheit beschränkende Verbindung auffaßt, während er doch fagt, die Liebe habe ihn vermocht, fie einzugehen. Nun aber ist das Wesen der Liebe und somit auch der Ehe, wie wir saben, daß sie die Schranfen, die dem Menschen vermöge seiner Geschlechtsbestimmtheit gefeßt sind, aufhebt, indem sie ihn zum Gattungsmenschen, zur Tos talität, erweitert. Diese Schranke, ferner, war empfunden und ihre Aufhebung mit dem ganzen Sein, dem wesentlichen Inhalt des Subjects, erstrebt, den es in einen Vertreter des andern Geschlechts verlegte, um ihn mit dessen Reichthum zurückzuerhalten. Der Zusammenschluß mit dem geliebten Gegenstande wird also nicht nur als befreiend in negativem Sinne, sondern positiv als zur erfüllten Freiheit erhebend empfunden, erfüllt, insofern ihr Inhalt der Zusammenschluß mit der Gattung überhaupt ist. Von einem Zwange also, von einer Schranke, bie der freien Entfaltung des Individu

ums durch die Ehe gefeßt wäre, ist so wenig die Rede, daß diefelbe vielmehr erst jeßt, erst auf dieser Basis, in dieser Atmosphäre des Einsseins mit dem Augemeinen, gedeihen und Blüthen treiben kann. Daraus folgt, daß, wo ein solcher Zwang in's Bewußtsein tritt, wo das Individuum fürchtet, fortan in der freien Bethätigung feines Wes feno gehindert zu sein, die Liebe für dasselbe eine andere Bedeutung als jene der gegenseitigen Durchdringung haben müsse, ja es läßt sich sogleich positiv aussprechen, daß in diesem Falle die Liebe, statt eine Bethätigung des Subjects als allgemeinen Wesens zu sein, nur die Bethätigung einer Seite desselben als Individuums sein kann, einer Seite, die so stark geworden ist, daß fie fich Anerkennung ers rungen hat, unter deren Begünstigung aber die andere Seite, die bis dahin allein berechtigt dagestanden hatte und auch jept noch felbftständig neben der Liebe fortbestelt, zu leiden fürchten muß. Diese andere Seite ist, auch nach seinen eigenen Worten, die Selbftftändigkeit, die, zwar an sich berechtigt, in der Liebe hätte uns tergehen sollen, die aber, weil sie ihre Eristenz behauptet hat, beständig gegen die Liebe reagirt und, was sie dieser einräumt, stets nur als Opfer darbringt, daher dem Bewußtsein fteten Zwanges unterworfen ist: – So schildert also Othello, der Kunstgattung Shafspeare's gemäß, dessen Helden gleich in ihren ersten Worten ihren Standpunft abzuprägen lieben, bei feinem ersten Erscheinen durch die ausgesprochene Erinnerung an das, was er aufgegeben hat, an seinen „unbehaus'ten freien Stand" das Wesen seiner Liebe. Diese Liebe aber trägt den Reim der Eifersucht schon in fich, weil sie nicht zur Hingebung des eignen Selbst fortgegangen ist; denn dies nicht hingegebene Selbst ist dadurch, daß es feine Befriedigung an den Gegenstand seiner Liebe geknüpft weiß, daß es mithin dessen ausschließliche Beziehung auf fich fordern muß, das Prinzip des Zweis fel 8 und zwar des felbftsüchtigen Zweifels, der somit, wenn auch verhült, als bluße Möglichkeit, in der eignen Liebe mit geseßt ist; dies ser Zweifel aber, realisirt und fich bethätigend, ist die Eifersucht.

Aber da Othello's Liebe feine Hingebung seines ganzen Wesens ist, da er vielmehr in ihr noch in seiner früheren Selbstständigkeit verharrt, wie große Concessionen er ihr auch immer machen möge: so müssen wir, el' wir in der Entwicklung seiner Liebe weiter gehen, zunächst eine allseitige Anschauung seines Wesens überhaupt zu ges winnen suchen, theils um aus dem Ganzen desselben die Bedeutung,

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die die Liebe für ihn haben konnte, abzuleiten, theils uin die Momente näher zu bestimmen, die der Legtern feindlich gegenüberstehen.

Scon die einleitende Scene gibt uns ein vorläufiges Bild Othello's nach Charakter und äußerer Stellung. Er ist Soldat, und wenn das specifische Wesen eines Solchen die auf sich selbst gestellte Kraft ist, so scheint er als ein ächter Vertreter seines Standes bazustehen. Denn gleich das Erste, was wir von ihm hören, ist, daß er drei Große Venedige als Fürsprecher eines Mannes abgewiesen hat, der die Beförderung, die fte für ihn erbas ten, durch sein Dienstalter mit Recht in Anspruch nehmen konnte. Also nicht bloß hat er eine mögliche. Kränkung dreier einflußreicher Männer nicht gescheut, er hat auch feinen Willen an die Stelle der überlieferten Sitte geseßt, nach welcher das Dienstalter über die Beförderung entschied, und endlich hat er Beides gewagt, obschon er der ftolzen Republik burch Geburt und Abfunft fremd ist. Wenn schon hieraus für seine äußere Stellung folgt, daß er zu großem Ans sehn in dem ihm fremden Staat gelangt.sein muß, so wird uns dies fes Leştere auch ausdrücklich bestätigt, selbst seine Feinde geben zu, daß er dem Staate durch seine Feldherrngaben unentbehrlich geworden ist. Aber diesem seinem politischen Ansehn entspricht seine Stellung in der Gesellschaft nicht. Wir hören gleich zu Anfang, daß er eine junge Venetianerin entführt hat, und gelangen alsbald zu der Ueberzeugung, daß er zu diesem Schritt genöthigt war, da er ste niemals mit Genehmigung des Vaters zur Frau erhalten haben würde. Dieser nämlich, der noch vor Kurzem einem 'ihrer Freier, einem jungen lodern Nobile, rund heraus erklärt hatte, ,,feine Toch ter sei nicht für ihn,“ und ihm eben erst mit seinem Zorn drohte, weil er es dennoch wagte, sein Haus zu umschwärmen, hat kaum von der Entführung seiner Tochter durch Othello Kunde erhalten, als er auch schon bereut, fie nicht doch Jenem gegeben zu haben, und der Freude am Leben verzweiflungsvoll für alle Zukunft Lebes wohl sagt. Danach muß Othello troß feines Ansehns, troß seiner Macht, für die noch die Thatfache dieser Entführung felbft wieder Zeugniß ablegt denn der Vater der Entführten ist Senator, eines der einflußreichsten Glieder jenes in Venedig allmächtigen Collegiums, und wir erfahren, daß sich diese mit einer Art von Solidarität zu schüßen und ihre Privatverhältnisse wie Staatsangelegenheiten zu bes handeln pflegten Othello muß also in gesellschaftlicher Beziehung wie ein Ausgestoßener dagestanden haben, mit dem in Berührung zu kommen eine Schmach war. Ein Räthsel, dessen Lösung darin liegt, daß Othello nicht bloß ein Venedig Fremder, sondern daß er ein Mohr ist, widerlichen Aussehns, schwarz, mit dicken Lippen, den der staatsfluge Venetianer wohl benußen, der feingebildete aber nur als Barbaren auffassen konnte, als ein Wesen niederer Gattung, an dem ein Mafel hafte. So hören wir denn auch Jago gleich zu Ans fang durch den' Titel: „Seine Mohrschaft" den er ihm beilegt, den Widerspruch der politischen Bedeutung Othello's und seiner ihn der Verachtung preisgebenden Abfunft grell aussprechen, wir hören Roderigo ihn ,,Dickmaul" schimpfen, und als gemein sinnlich mochte er eben seiner tiden Lippen wegen allgemein gelten, da diese den geistigen Ausdruck feiner Physiognomie beeinträchtigen mußten. Ros derigo nennt ihn geradezu den , üppigen" Mohren und Jago's „schwarzer Schafbock," „Berberpferd" deuten ebenfalls auf diese Meinung von ihm hin.

Somit steht Othello, .ehe er selbst auftritt, als achter Soldat, dessen specifisches Wesen die Selbstständigkeit ist, als Feldherr von hos her politischer Bedeutung, zugleich aber auch als ein Geächteter in seiner socialen Stellung vor uns. Durch sein eignes Erscheinen nun, das schon den Charakter seiner Liebe vor uns enthüllt hat, legt uns unser Dichter sogleich seinen ganzen Standpunkt offen dar. Zunächst ergänzt sich das Bild des auf sich selbst ruhenden Soldaten durch das stolze Selbstgefühl, das er aus feinen Thaten schöpft: „Meine Dienste," sagt er, die ich der Signoria geleistet habe, werden Brabantio’s Klagen zum Schweigen bringen." In diesem Selbstgefühle hat er es bisher unter seiner Würde gehalten, feine fönigliche Abkunft fundzuthun, durch die er jedem Nobile Benedigs mehr als ebens bürtig wäre. Allein sich selbst will er seine äußere Stellung danken und sieht verächtlich auf den angeerbten Rang herab. So fährt er fort: „seine Verdienste allein berechtigten ihn, auch ohne der Ses natormüße theilhaftig zu sein, ein so stolzes Glück, wie das, das er jeßt, durch Desdemona's Hand, erreicht habe, anzusprechen.“ Hiermit ist sein Wesen nach Einer Seite hin gezeichnet. Es ist der Standpunkt des Individuums, auf den er sich stellt, für sich als Eins zelnen, als diesen bestimmten Menschen nimmt er in diesem Fall das Recht in Anspruch, die Schranken der Gesellschaft zu durchbrechen, aus seinen Thaten, die er als dieser bestimmte Mensch ver

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richtet hat, schöpft er dies Recht, nicht aus irgend einem allgemeinen Grunde. Ebenso verwirft er nicht den Rang als solchen, sondern begründet vielmehr seine Ansprüche auf das stolze Glück, das er jeßt erreicht hat, durch seine Verdienste als Individuum, läßt also den durch die Kraft des Individuums erworbenen Rang bestehen und fors dert ihn für sich. Indem er aber zugleich durch die Worte: „Meine der Signoria geleisteten Dienste werden Brabantio's Klagen zum Schweigen bringen," eine höhere Instanz anerkannt, die über seine That zu entscheiden habe, eine Allgemeinheit, der die Einzelnen unterworfen sind: steht er als Einzelner im Staate da. Wir haben also in Othelio einen Menschen vor uns, der zwar sich auf sich selbst stellt, aber doch den Staat als seine Schranke anerkennt und dessen Selbstbewußtsein allein auf seiner individuellen Kraft beruht, nicht auf dem allgemeinen Grunde der Freiheit und Unendlichkeit des Menschen, der mithin, durch das Bewußtsein seiner Besonderheit, wenn auch auf dein Aden gemeinsamen Boden des Staates, im Gegensaße zu allen Andern steht; denn nur das allgemeine Selbstbewußtsein ist init der Welt in Einklang. Daraus ergibt sich, daß die Selbststän's digkeit, die wir schon in der einleitenden Scene als hervorragende Eigenschaft Othello's kennen lernten, in der That die wesentliche Erscheinungsform seines Standpunkteß ist; denn sie allein macht es ihm möglich, sich der äußern Welt gegenüber zu behaupten, die ihn ohne fie verschlingen würde, da der Zusammenschluß mit ihr gegen sein Wesen geht.

Aber wenn auch Othello zunächst als Individuum innerhalb des Staates dasteht: so hat er sich doch auf dieser Basis zu einem allgemeinen Wesen, zum Träger einer Idee erhoben, die er mit Bes wußtsein darstellt. Gleich seine nächsten Worte legen dafür Zeugniß ab: „Mein Amt, mein Rang und meine feste Seele," sagt er, „sollen deutlich offenbaren, wer ich bin.“ Mit diesen Worten, des nen ein ruhiges: „Nicht ich, man soul mich finden!" vorausgeht, weist er Jago’s Zumuthung, fich vor Brabantio zurück zu ziehen, ab. Hier also legt er seinem Range felbstständigen Werth bei, aber er thut es nur, wie die vorausgehende Berufung auf sein Amt*) beweist,

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*) Tied übersekt ungenau : Mein Stand und Nang u. s. w. Im Engliz

fcben steht: My parts, my title, beides Bezeichnungen für seine amtliche Stellung

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