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bildeten, bis auf die Offiziere, welche jeßt in russischen oder französ fischen Diensten, oder Gott weiß welchen Diensten ftehen. Und Deutsche Wissenschaft ist eben so wenig spröde gewesen.

Im Vorhergehenden bin ich schon auf einen andern Umstand geführt worden, der unsere nationale Entwickelung und somit unsere Nationaliteratur hat verkümmern helfen. Dies ist der Zusammenstoß der Deutschen mit einem Volfe, das ihm an Cultur weit überlegen war. Ueberall, wo zwei Nationalitäten auf einander treffen, wird immer diejenige etwas von ihren Eigenthümlichkeiten zum Opfer bringen müssen, welche an Bildung zurücksteht, und zwar wird das Dpfer um so bedeutender sein, je größer der Abstand ist. Wie weit auch die Deutschen auf ihren Zügen vordringen mochten, überal begegneten ihnen Römer, die ja die Herren der Welt waren. Und was für Römer! Nicht mehr solche, die Kunst und Wissenschaft geringe achteten, wie früher in der Blüthezeit der Republik; nein, sondern folche, welche die ganze griechische Bildung in sich aufges nommen und nach allen Seiten verbreitet hatten. Es ist eine falsche Ansicht, daß während der Kaiserzeit die Bildung sich im römischen Reiche verloren habe; fie ist vielmehr gestiegen. Freilich war die Productionskraft gewichen und das Geschlecht sittlich entartet; aber Bildung überhaupt ist ein Kind der Receptivität und kann auch bei den verdorbensten Sitten bestehen, ja es ist faft Regel, daß fie steigt, während die Einfalt der Sitten schwindet. Nun denke man ftch das rohe, ungebildete Volk der Deutschen, diese Söhne der Natur, den gebildeten Römern gegenüber; ich werde nicht nöthig haben, das Zeugniß der Geschichte zu Hülfe zu rufen, um zu beweisen, daß es der neuen Cultur feinen Widerstand fristete, sondern ihr bes reitwillig entgegenkam und sich ihr unterwarf. Es wurde das deutsche Wesen in seiner Selbstentwicelung gestört und gehemmt.

Niemand nahm fich feiner Pflege an, es wurde vernachlässigt, bei Seite ges schoben, ja mit Gewalt verdrängt. Denn alle die; denen es um Bildung zu thun war, begaben sich in den Dienst des Fremden und lernten das Vaterländische verachten, und zwar so sehr, daß fte fich über die Sprache ihres Volkes lustig machten und sich schämten, fich ihrer zu bedienen. Darf es uns wundern, daß ste fich bemühten, die ihnen lieb gewordene fremde Bildung auf Kosten deutscher Rohheit zu verbreiten und mitzutheilen? darf man es ihnen verübeln? GB mußte freilich die Folge haben, daß die nationale Poeste, welche

Archiv f. 1. Sprachen. IX.

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wäre,

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keine mächtigen Beschüßer fand, immer mehr verfümmerte und fich aus den gebildeten Kreisen verlor, obgleich fie durch ihre innere Kraft gegen den völligen Untergang geschüßt war. Die Herrschaft der lateinischen Poesie begann in Deutschland, deutsche Stoffe mußten sich unter den Händen der Geistlichen bequemen, lateinische Fors men anzunehinen, und Schmeller fann mit Fug und Recht fragen, von welchen der späterhin in der Laiensprache verfaßten, nicht von Westen her entlehuten größeren Dichtungen nicht ausdrüdlich gesagt

daß fie früher in lateinischer Sprache geschrieben wären? Aber was noch mehr sagen will, diese ganze neue Bildung fam im Gefolge einer neuen Religion. Wer bedenft, daß in der Religion ein Volk die Summe seiner höchsten und tiefsten Gedanken niedergelegt hat, deren es fähig ist, daß sie der Ausfluß und der Ausdrud seiner innern Welt ist, der wird die große Einwirkung (chäßen föns nen, welche ein Wechsel der Religion auf das Denken und Fühlen einer Nation ausüben muß. Namentlich ist die Poesie eng mit der Religion verbunden; Göttersage und Heldensage verschlingen fich enge in einander, und beide zusammen machen das Element aus, in welchem alle älteste Dichtung fich bewegt. Wird aber dieser Boden weggerissen, so muß die Dichtung mit fallen. Die Geistlichen in ihrem frommen Eifer haben zu ihrem Sturze mitgewirkt, indeß Das deutsche Volf nicht ohne Ersaß gelassen. Dieser Ersaß bestand in der heiligen Poesie. Der Mönch Dtfried sagt ausdrüdlich in der Vorrede zu seiner Evangelienharmonie, er habe sie in der Absicht geschrieben, die „cantus obscoenos“ zu verdrängen, was aus der Sprache seiner Zeit in die unsrige überseßt heißen will, daß die nationale oder heidnische Poesie der christlichen weichen soll. Und ste ist ihr gewichen, freilich nicht durch das Werk Otfrieds, sondern erst die unablässtgen, zum Theil absichtslosen Bestrebungen mehrerer Jahrhunderte haben das gewünschte Ziel -- wenn auch nicht ganz erreichen lassen. Wir haben nach und nach die Erinnerungen an unsre alten Sagen verloren. Während bei den Griechen Homer das erste Buch war, das dem Lernenden in die Hand gegeben wurde und ihn so spielend mit den alten Sagen seines Voltes vertraut machte, entfremdet uns gleich der erste Schritt, den wir in das Land der Bildung thun, unserm Vaterlande und führt uns in die orientalische Welt ein. Die Geschichte des auderivählten Volfes Gottes ist jedem Dorfjungen bekannt, die Geschichte der Heimath nur denen,

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die wir vorzugsweise Gebildete nennen. Ich bin weit davon entfernt, einen Tadel gegen die Erziehungsweise auszusprechen, nach welcher die Kinder sogleich mit der Bibel vertraut werden, und etwa zu verlangen, daß die deutsche Jugend, ftatt in jüdischen, in deutschen Sagen groß gezogen werden soll, weil ich recht gut weiß, daß eine folche Forderung unter der Macht geschichtlicher Verhältnisse eine Thorheit wäre; aber im Interesse der Poesie darf man es immerhin beklagen, daß die fromme Aengstlichkeit in der Vertilgung volksthümlicher Poesie so weit gegangen ift. Freilich leidet die ganze neuere Welt an dem Bruche, den die Einführung des Christenthums im Leben der Völfer hervorgebracht hat, und keines zeigt die gediegene Einheit, welche das Alterthum fo fehr auszeichnete, aber feines hat einen größeren Schaden erlitten, als das deutsche, gerade weil es etwas zu verlieren hatte. Denn die anderen Nationen in Europa erwuchsen erft zu Nationen seit dem Christenthum und mit dem Christenthum. So ist die französische Nation aus dem Gemenge mehrerer Völkerschaften zusammengetreten, als schon das Christenthum Eingang gefunden hatte, und der Held ihrer alten Romanzen ist Karl der Große, der Berfechter der christlichen Welt gegen die mus hamedanische. Ebenso ist es Spanien ergangen. Das spanische Volt ist erst auf dem Boden des Christenthums zu einem Volfe ges worden. Bis zum Ende des funfzehnten Jahrhunderts hat es in ftetem Kampfe mit den Mauren gelegen und in diesem fich feine Nationalität erobert. Seine Heldensage fängt erst da an, wo der Krieg gegen die Ungläubigen anfängt. Englands Einwohner find aus einer Mischung verschiedener Bestandtheile erwachsen, deren Rern aber Germanen bilden. Schon frühe mit christlicher Bildung vertraut gemacht, hätte es faft dasselbe Schidsal mit Deutschland ges theilt, wenn nicht der Reichthum und der Glanz der späteren Ereigs nisse den Bruch nicht bloß gedeckt, sondern auch geheilt hätte. Scans dinavien ist die Ländermasse, welche zuleßt vom Christenthum berührt ift und am längsten ursprüngliche Nationalpoesie aufbewahrt hat. Al8 Sämund Sigfusson um 1100 und Snorro Sturleson die Lieder und Erzählungen der Edda, sammelten, welche größtentheils Sagen aus der nordischen Mythologie, noch ungetrübt von chriftlichen Ideen, enthalten, ist in Deutschland die alte Göttersage fast vollständig vers schwunden und nur leise Andeutungen und Anspielungen erinnern uns daran, daß es eine Zeit gab, in welcher der Glaube an die

alten Götter noch lebendig war. So ist das Nibelungenlied, das um 1300 feine jeßige Gestalt bekommen hat, darum auch fo merkwürdig, weil sich in ihm Christenthum und Heidenthum gleichmäßig die Wage halten, oder genauer gesprochen, fich gegenseitig niederdrücken. Es wird freilich erzählt, daß die Helden in das Münster gehen und beten, allein von einer Einwirkung der christlichen Lehre auf ihr Denken und Handeln zeigt sich nirgends eine Spur. Kein einziger specifisch christlicher Gedanke ist im ganzen Gedichte zu finden, das von Anfang bis zu Ende die Süßigkeit der Rache predigt. Aber auch das Heidenthum ist verdrängt. Mit Ausnahme der beis den weissagenden Donauweiber tritt feine göttliche Gestalt darin auf, und überhaupt ist von irgend einer göttlichen Wirksamkeit, sei fte heidnisch oder christlich, nirgends die Rede. So bietet das Gedicht die seltsame und einzige Erscheinung dar, daß ein Volf eine große epische Dichtung befißt, die von allen religiösen Ideen entblößt ist. - Man hat zur Zeit der Bardenbegeisterung den Versuch gemacht, die nordische Götterwelt wieder lebendig zu machen und in die Dichtung einzuführen. Aber er scheiterte und mußte fcheitern, weil sie keinen Boden in der Ers innerung des Volkes mehr fand, und ftatt göttlicher Gestalten, die vor der Phantasie des Lesers sogleich ein kräftiges Leben und ges drungene Festigkeit gewinnen, erhalten wir in den Gedichten jener Zeit nur Namen, nur Schatten, denen die gelehrten Noten der Vers fasser nothdürftig einen Körper geben.

Aber auch hier liegt wieder ein Einwurf bereit, dessen Gewicht ich nicht verkenne. Wenn nämlich auch die Behauptung als richtig zugegeben wird, daß die Einführung des Christenthums die Volkss poesie, die ihre Stoffe aus den vorchristlichen Zeiten entlehnte, zus rückgedrängt hat, so scheint es doch, als wenn es auf der andern Seite auch nicht geläugnet werden kann, daß gerade durch das Christenthum, das mit dem germanischen Wesen eine so innige Vers bindung eingegangen ist, daß christlich - germanisch unzertrennlich mit einander verknüpft werden, ein neues Feld für die deutsche Nationals dichtung eröffnet sei. Man macht dabei, um nicht auf Dichtungen zu verweisen, die absichtlich im Dienst der Kirche und von Priesters hånden gearbeitet sind, auf die ritterliche Dichtung des Mittelalters und auf die geistlichen Epen, die im 18ten Jahrhundert haufenweise entstanden, aufmerksam. Die Ritterbichtung ist allerdings unvers

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ftändlich ohne Vorausseßung des Christenthums. Zum Wesen eines Ritters gehört es, daß er, wie für die Dame seines Herzens und für seine Standesehre, so auch für Gott unt Christum streite. Aber die Frage nach der Quelle ber höfischen Dichtung (bie übrigens gar nicht immer christlich ist) fchneidet die Folgerung ab, die man zu ziehen geneigt sein möchte. Wäre fie nämlich eine Frucht, welche aus der Verbindung deutschen und chriftlichen Geiftes hervorgegangen, unter deutscher Pflege gezeitigt wäre, fo befäßen wir in ihr unzweifelhaft nationale Poefte. Aber das ist sie nicht. Auch dem blödeften Auge, das gar keinen Blick auf den Ursprung und die Entstehung derfelben geworfen hat, sondern sie von aller Gelehrsamkeit los und ledig liest, wird an den barbarischen Namen, die es überall dort antrifft, wie Feirefiz, Schionatulander, Karnahkarnanz, Meljahkanz, Repanse de schope, Fichtbar, daß sie ein fremdländisches Erzeugniß ist, auf deutschen Boden verpflanzt. Wir kommen init unsern historischen Kenntnissen nach und legen die französischen und englischen Quellen vor, welche von' unsern Dichtern überarbeitet sind. Das Feingefühl und die Geschicklichkeit, womit fte die Ueberarbeitung gemacht haben, die Freiheit und Selbstständigkeit ihres Verfahrens, lasse ich hier unberührt, ebenso den großen oder geringen Werth der Poeste an fich. Genug, diese Poefte ist ein ausländisches Gewächs. Und nun das 18te Jahrhundert und seine christliche Dichtung?. Darf man die Messiade troß ihrer ungemeinen Wirkung auf die deutsche Poesie und die durch fte hervorgerufene Fluth von Patriarchaben wirklich nationale Dichtung nennen? Schwerlich, oder wenn es der Fall sein sollte, so ist das deutsche Volf das undankbarste und wunders lichste Volt der Welt, das diese ganze Poesie über Bord geworfen hat und nur die Mefftade Klopstods als eine theure historische Res liquie aufbewahrt, die sorgfältig in den Schrein verschlossen, aber dem gemeinen Gebrauche nicht überlassen wird.' Man hat Ehrfurcht vor ihr, aber keine Liebe zu ihr. Ade Dichtungen dieser Art führen uns von uns selbst weg, verseßen und in den Drient und bringen uns poetische Gestalten, die ein Augemeingut der ganzen Christenheit find. Und doch giebt es eine Zeit und eine Persönlichkeit in Deutsch land, die, von christlichen Gedanken durchwärmt und durchglüht, dennoch nicht des Charakters der Volksthümlichkeit entbehrt. Das ist die Zeit der Reformation und die Person Luthers, der der bes kannteste Mann in der ganzen deutschen Geschichte ist, deffen Portrait,

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