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Montano entreißt ihm das Schwert, und auf sich selbst verzichtend, fragt er: „Warum sollte auch die Ehre die Rechtlichkeit überleben?" Die Ehrlichkeit ist hier der gute Ruf, der Glaube der Welt an seinen Namen; jeßt räumt Othello ein, daß der verloren sei, mit Recht verloren; war seine Gattin schuldig, er hätte nimmer sich sein Recht anzweifeln lassen, sie zu tödten, denn das eben war ja seine Schranke, daß er ein Recht an ihre Liebe oder vielmehr an ihre Treue, ihre ausschließliche Beziehung auf ihn, zu haben meinte ein Recht an eine Person ist aber nicht zu denken, am wenigsten ein Recht an ihre Liebe, deren Wesen eben ist, daß sie die freieste Gabe ist und nie gefordert werden kann, auch war Othello dems gemäß nie Desdemona's Liebe, sondern stets nur ihre Treue, die Eigenschaft des Unterworfnen, des Knechte, ins Bewußtsein getreten weshalb ihm denn auch seine eigne Liebe nie die Befriedigung der, ächten Liebe geben konnte – also nur erst, da er sie unschuldig weiß, wird er sich seiner That als eines Verbrechens, als eines Abfalls von sich selbst, bewußt und nun verliert er auch noch seine Ehre als Soldat - die war sein lebtes Gut, noch jeßt ein großes Gut – noch ein Mal hebt er es hervor: mit seinem kleinen Arm und feinem guten Schwert, sagt er, habe er einst zwanzig Mal größere Hindernisse überwunden, als Gratiano ihm entgegenfeßen könnte; „aber, o eitle Prahlerei,“ fährt er fort, „wer kann sein Schicksal leiten? so ist es jeßt nicht mehr.“ So hat er Recht, wenn er nach jenem fürchterlichen Ausbruch der Verzweiflung, auf Ludovico's Frage; 'wo er sei? antwortet: „hier steht der, der Othello' war,“ denn der Othello, den wir kannten, eristirt nicht mehr. Aber mit diesen Worten ist nun auch das Bewußtsein seiner frühern Größe wieder in ihm aufgetaucht, und unterliegt er auch noch ein Mal wieder, als er Jago fieht, der Leidenschaft, und stoßt zum zweiten Mal nach ihm doch ist damit der Schwäche der legte Zou gezahlt, sein Bewußtsein ringt sich wieder durch), ihn sich selbst wieder gebend, und in ruhiger Größe steht er da. Schon als er Jago zurief: „ Nach meinem Gefühl ist’s Seligkeit zu sterben,“ hatt er innerlich beschlossen, sich den Tod zu geben, die einzige Sühne, die ihm übrig bleibt. Jeßt feßt er sich selbst feine Grabschrift: ,,er sei ein ehrenwerther Mörder, er habe nichts in Haß, sondern Alles in Ehre gethan." Und so ist es, trotz aller Phasen, durch die ihn seine Leidenschaft hindurchtrieb

denn nicht in Folge ursprünglicher gehässiger Gesinnung gegen

seine Gattin, nicht aus bösem Willen hat er sie ermordet, fonbern in Folge subjectiver Nöthigung, in Folge des Grunds gefeßes feines Wesens, dem er als kräftige, unverstümmelte Natur nicht widerstreben konnte. Willig bekennt er sein Verbrechen gegen Caffio, bittet es ihm ab, hat Nuhe genug gewonnen, den Hergang zu erforschen, der ihn zu diesem Aeußersten geführt hat, und ruhig spricht er noch fein Teftament - jeßt ganz der Mensch, der seine Grenzen fennt, der seine That im Menschengeiste selbst gesühnt weiß und darum fein Urtheil der Welt zu fürchten hat. So ftirbt er, ,,groß von Herz,“ dieselbe Sühne sich selbst auferlegend, die er einst über einen Feind des Staats verhängte*).

Gotha.

6. W. Sievers.

*) Was die Berufung Othello's auf seine heroische That in Aleppo betrifft, mit der er sich den Tod gibt, so bekenne ich, daß ich über deren wahre Bedeutung nicht zu vollkommner Sicherheit gelangt bin, weshalb ich sie im Tegte unberührt gelassen habe. Gervinus’ Erklärung, er deute durch sie an, daß er, gerade wie einst die Ehre des Staates, so jeßt die feines Hauses fühnen wolle, ist schon deshalb unhalt: bar, weil er in diesem Augenblice psychologisch weit über Tu nichtige Dinge wie die Ehre seines Hauses hinaus zu denken ist, was unsre Darstellung hoffentlich klar ge: macht hat. Das Wahrscheinlichste ist mir noch, daß in der Verlegung der objectis ven Macht des Staates das ter comparationis liegt er selbst hat wie jener Türke diese Macht gehöhnt, wie dieser muß er fallen und dem Senate muß davon Kunde werden, eine Ansicht, die dadurch an Gewicht gewinnt, daß Othello gerade zu den Vertretern des Staates spricht. Indeß gebe ich sie nur als Beitrag zur Lösung dieser schwierigen Stelle.

Bu Goethe's „fauf.“

Indem wir die großen Verdienste vollkommen anerkennen, welche fich Dünßer um das Verständniß Goethe'scher Dichtungen und ings besondere des Fauft (in f. noch nicht vollendeten Werke: Goethe's Fauft. Erster ut. zweiter Theil. Th. I. Leipz. 1850) erwors ben hat, fühlen wir uns gerade in der Hoffnung, daß diese große Tragödie fünftig unter Dünber's Anleitung öfter als bisher in unseren höheren Lehranstalten interpretirt werde, gedrungen, Manches in seinem fortlaufenden Commentar, dem wir nicht beizustimmen vermögen, zur öffentlichen Besprechung zu ziehen, und eröffnen den Kampfplaß in diesen Blättern mit der Beleuchtung der Zueignung“ und des „Vorspiels auf dem Theater.

Ueber jene freilich wüßten wir faum Neues und Abweichendes hinzuzufügen, bis auf einige Einzelnheiten, die wir sogleich herausheben wollen. Wir stimmen völlig mit D. überein, daß „umwits tern" nicht, wie es bei Campe erflärt wird, in der Bedeutung „gewitterhaft umgeben" zu fassen sei, da „wittern" (intr.) von jedem Zustande der Atmosphäre gebraucht wird," möchten aber auch „umwittern“ nicht gerade auf die Atmosphäre, welche jene Gestalten umzieht," deuten, sondern lieber an die Bedeutung denken, nach welcher wittern intrans. und tranf. fo viel als „ries chen," figürlich im intrans. Sinne (nach Campe): „aus gewissen Zeichen als etwas dunkel erkannt werden“ heißt; vgl. Wörter, die nach fremdem Ursprung wittern; ,,ich wittre Morgenluft;" Witterung von Etwas haben 2c. Noch weniger begründet er's scheint es uns aber, wenn bei der Zeile: „Und manche liebe Schats ten steigen auf“ bemerkt wird: „Man darf des Zusammenhange wegen das Wort Schatten nicht von den hingeschiedenen Freunden des Dichters verstehen; vielmehr sind es die schattena haften Erinnerungen selbst;“ denn theils ist das Wort Schats ten in der legten Bedeutung ohne weiteren Zusaß durchaus nicht gebräuchlich, in der von D. zurückgewiesenen ersten aber sehr ges wöhnlich, theils paßt das Zeitwort: „aufsteigen“ weit besser auf die Schatten der Abgeschiedenen, als auf „schattenhafte" d. i. dunkle ,,Erinnerungen.“ Der „Zusammenhang“ ftreitet hiergegen nicht, sondern spricht eher dafür. Doch wir legen auf diese Kleinigkeiten keinen Werth und erkennen mit D. den Kern" (der Zueignung) ,,in dem Gedanken an, daß Goethe's Faust, der so ganz aus feinem Herzen geflossen ist, ießt nicht mehr einem treubegeisterten Freundes freise, sondern dem... falten Publikum ertöne;" „ießt“ D. h. im J. 1797, wo Goethe die „Zueignung'. dichtete, als er die früheren nur seinen Freunden mitgetheilten Bruchstücke des Faust für das Publikum. fortzuseßen beschloß.

Durch diesen Hauptgedanken tritt nun auch offenbar die „Zueignung“ mit dem unmittelbar folgenden ,,Vorspiel auf dem Theater'' in einen flaren Gegensaß, der aber von Dünger, durch seine Auffassung der Bedeutung des Vorspiels" in ein schiefes Licht gestellt wird. Dein D. findet in dem Vorspiel nicht den einfachen Gegensaß zu der Zueignung, daß der Dichter ,ießt" fich den Anforderungen des Publikum anschließen wolle, statt bloß wie früher den Beifal seiner Freunde zu suchen, er sieht vielmehr als den Grundgedanken des Vorspiels' an: dasselbe folle und zeigen, daß der Faust kein gewöhnliches Theaterstück sei, wie es fich Direktor und Schauspieler wünschen, sondern dazu bestimmt, die dem Dichter vorschwebende zdee in reinster Weise zu verkörpern." Diese Auffassung glaubt aber Rf. geradezu in Abrede stellen zu dürfen. Was D. für seine Ansicht anführt, drängt sich besonders in folgendein Saße zusammen:

(S. 146) ,,Der Theaterdirektor und der Schauspieler, den Goethe hier mit Absicht als „lustige Person," alo Hanswurft erscheis nen läßt, weil der gewöhnliche Schauspieler nur darauf ausgeht, dem Zuschauer Spaß und Unterhaltung zu verschaffen, sprechen ihre Fors derungen an den Dichter aus, denen dieser aber feineswegs genügen will und kann, weßhalb er am Ende schweigt; denn wenn er sich zuleßt auch nicht mehr ausdrücklich widersebt, so ist es doch nach den vorhergehenden Aeußerungen nicht zweifelhaft, daß er diesen Anforderungen unmöglich genügen kann; und daß er es wirklich nicht gethan, zeigt der „Faust" selbst deuts lich genug, wenn der Dichter freilich auch an einzelnen Stellen dem einen und dem anderen zu willfahren scheinen könnte."

Wir beirterfen hiebei zunächst, daß uns dag Motiv ganz verfehlt erscheint, wenn es heißt: Goethe lasse ,, den Schauspieler" hier mit Absicht als lustige Person," al8 Hanswurft erscheinen, weil der gewöhnliche Schauspieler nur darauf ausgeht, dem Zu: schauer Spaß(!) und Unterhaltung zu verschaffen; wir erkennen ferner überhaupt in dem Hanswurft nicht den gewöhnlichen Schauspieler, da die gewöhnlichen Gestalt des Schauspiele bereits hins reichend durch den ,,Direktor“ vertreten wird, die Hauptbedeutung der lustigen Person" aber auch offenbar darin liegt, daß derselbe die Rolle des Vermittlers zwischen dem „, Direktor" und dem ,,Dichter" spielt. Und so finden wir in der „lustigen Person“ vielmehr den Humor repräsentirt, durch den die höheren Gedanken des Dichters mit der realen Richtung des Direktors versöhnt werden. Schon hiernach vermögen wir nun nicht, der Ansicht Di’s beizutreten, nach welcher er es für unzweifelhaft erklärt, daß der Dichter den vom Direktor an ihn gestellten Anforderungen unmöglich genů: gen kann, und daß er aus diesem Grunde, – ,,wenn er sich auch zuleßt nicht mehr ausdrücklich widerseßt, ++ am Ende schweigt." Wir halten és ganz im Gegentheil für unbestreitbar, daß der Dichter sich am Ende unter Vermittlung der „lustigen Person“ den Anfor: derungen des Direktors einigermaßen, wenn nuch nicht vollständig, anbequemt und müssen die von D. bestrittene Annahme durchaus für ,,berechtigt“, erklären: „der Fauft werde wirklich von G. als das Stüd gedacht, welches der Direktor vom Dichter verlange." Wir berufen uns hiebei zunächst auf den Eindrud, welchen unsrer Meis nung nach das „Vorspiel" bei jedem Unbefangenen nach vollständis ger Lesung hinterläßt und halten es für kaum zweifelhaft, daß, wo derselbe nicht durch eine, bereits vorgefaßte Ansicht getrübt ist, der Leser am Schlusse des Vorspiels in dem Schweigen des Dichters nur eine Zustimmung, und keineswegs eine Ablehnung finden wird (Qui tacet, consentit!), namentlich aber, zu der Vorausseßung gelangt, daß der „Faustdas verlangte Theaterstück sei. Doch wir wollen nicht bei dunklen Gefühlseindrücken stehen bleiben, sondern unsre Ansicht objektiv motiviren. Es ist unzweifelhaft, daß der „ Dichter" fich das höchste Recht - das Menschenrecht, das ihm Natur vers gönnt," d. h. das Recht, die erhabenen Gedanken seines Geistes in dichterischer Weise zur Darstellung zu bringen, wahrt und bis zu Ende nicht aufgiebt. Mit edlem Selbstgefühl vertritt er seine höhere

Archiv f. n. Sprachen. IX.

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